Mythos und Phantastik: Frank Weinreichs Einführung in die Fantasy (Buchvorstellung)

Heute kommen wir mal wieder zu einer Buchvorstellung. Da ich bemüht bin, meine Untersuchungen mit etwas mehr Theorie zu untermauern, interessiere ich mich derzeitig u.a. für Genre-Definitionen. Beginnen wir daher also mit einer Einführung in die Fantasy aus dem Oldib-Verlag, dessen Veröffentlichungen zur Phantastik mir grundsätzlich sehr spannend erscheinen.

Frank Weinreich, der Autor des hier zu besprechenden Buchs, hat als Vortragender im Mai 2015 an meiner kleinen Tagung zur Antikenrezeption in der Science Fiction teilgenommen und dort einen sehr wichtigen Beitrag geleistet, den Interessierte bald auch im Sammelband zur Tagung nachlesen können. Weinreich ist ein gelernter Krankenpfleger, der im Anschluss an die Ausbildung Kommunikationswissenschaften, Philosophie und Politikwissenschaften studiert hat. Nach der Promotion in Philosophie hat er die Universität verlassen und arbeitet heute als freier Lektor und Übersetzer. Von ihm stammen zahlreiche Untersuchungen zu den Werken J.R.R. Tolkiens. Auch ist er als Mitherausgeber verschiedener Publikationen aus diesem Themenbereich tätig. Auf polyoinos.de (poly oinos = viel Wein => Weinreich) findet ihr noch viele weitere spannende Informationen über ihn.

Was sagt Weinreich aber nun in seiner Einführung in die Fantasy? Zunächst einmal stellt er in der Einleitung (S. 9-16) fest, dass sich die Anzahl thematisch übergreifender theoretischer und interpretierender Untersuchungen zur Fantasy umgekehrt proportional verhalte zur großen Bedeutung, die diesem Genre mittlerweile in der Populärkultur zukommt. Besonders die Frage, weshalb Fantasy eine solche Vielzahl von Menschen unterschiedlichster Art anzusprechen versteht, scheint ihm bisher in der Forschung eher vernachlässigt worden zu sein, weshalb er nun Funktion und Bedeutung der Fantasy ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken möchte. In diesem Rahmen werden der viel diskutierte Begriff „Fantasy“ neu definiert, das Verhältnis zwischen Fantasy und Mythos beleuchtet und Entwicklungsgeschichte und Persönlichkeiten der Fantasy vorgestellt, bevor im letzten Teil des Buches mit J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“, Ursula Le Guins „Erdsee“ und Dennis L. McKiernans „Mithgar“-Zyklus drei Werke der Fantasy besprochen werden, die in Bezug auf Inhalt und Wirkungsgeschichte zu den bedeutendsten Vertretern des Genres zählen.

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Photo: Michael Kleu

Das zweite Kapitel (S. 17-42) widmet sich also der Definition von Fantasy und der Bedeutung des Genres für seine Rezipientinnen und Rezipienten. Nach Weinreich zählen alle fiktionalen Erzählungen[1] zur Fantasy, die einen übernatürlichen Aspekt beinhalten, wobei in der Regel charakteristisch sei, dass es Heldinnen und Helden gibt und die Geschichte in einer imaginären Welt spielt,[2] in der Magie etwas ganz Reales ist. Wichtig ist Weinreich darüber hinaus, dass diese Erzählungen keinen Wahrheitsanspruch erheben dürfen, um zur Fantasy zu zählen (s.u.). Auch vertritt Weinreich die These, dass Erzählungen mit übernatürlichen Bestandteilen derart populär seien, weil sie etwas in der Psyche der Menschen ansprächen, das sich nach Metaphysik und den Erfahrungshorizont überschreitenden Erklärungsmustern sehne.

Kapitel 3 (S. 43-61) behandelt im Anschluss daran den Mythos, ohne den Weinreich sich keine Phantastik und somit auch keine Fantasy vorstellen kann,[3] da die Fantasy letztlich auf dem mythischen Denken beruhe. Denn der Logos (Vernunft, Verstand) könne zwar die Welt im Rahmen der jeweiligen Erkenntnisfähigkeit erklären, doch weder einen höheren Sinn vermitteln oder gar trösten, was daher dem Mythos bzw. in heutiger Zeit der Fantasy zufalle. Der Unterschied zwischen Mythos und Fantasy liege hauptsächlich darin, dass allen Rezipientinnen und Rezipienten bewusst ist, dass phantastische Erzählungen erfunden sind, während man in vergangenen Zeiten den Mythos durchaus als Wahrheit auffassen bzw. an ihn glauben konnte. Dabei gefällt mir der Gedanke besonders gut, dass der Mensch bzw. seine Psyche gleichermaßen auf Logos und Mythos angewiesen sei, beide also letztlich einander ergänzen.

Im vierten Kapitel (S. 63-99) geht es um Geschichte, Entwicklung, Persönlichkeiten und Spielarten von Fantasy. Hier stellt Weinreich zunächst Vorläufer, Inspirationen und Quellen der Fantasy vor, bevor er darauf aufbauend die moderne Fantasy behandelt, die er im 19. Jh. mit den Werken von William Morris beginnen lässt. Zu den Quellen und Vorläufern der Fantasy zählt er aus dem Bereich der hier relevanten Fachrichtungen (Altorientalistik, Ägyptologie, Alte Geschichte) als Beispiele die „Geschichte des gestrandeten Seefahrers“, das „Gilgamesch-Epos“ (beide etwa 2.000 v.Chr.), die homerischen Epen (etwa 8. Jh. ), die Fabeln Aisops (wohl 6 Jh. v.Chr.), Vergils „Aenaeis“ (1. Jh. v.Chr.), Ovids „Metamorphosen“ (zwischen 1 und 8 n.Chr.) und Lucius Apuleius‘ „Der goldene Esel“ (2. Jh. n.Chr.) auf. Da der Schwerpunkt dieses Kapitels aus historischen Gründen zwangsläufig auf Literatur liegt, folgt außerdem noch eine separate Betrachtung von Kunst, Musik, Film und Spiel. Deutlich wird hier, dass die imaginären Welten der Fantasy in einem untrennbaren Verhältnis zur realen Welt stehen und daher auch durchaus als Kommentar verstanden werden dürfen, womit sich eine weitere Parallele zum Mythos zeigt.

Mit Hilfe der drei oben genannten Beispiele der Fantasyliteratur (Tolkien, Le Guin, McKiernan) demonstriert Kapitel 5 (S. 101-121) schließlich, weshalb viele Werke des Genres wesentlich mehr darstellen als bloße Unterhaltung, auch wenn letzte letztlich natürlich aus gutem Grund immer im Vordergrund steht, wie auch im Schlusswort (S. 120f.) noch einmal betont wird.

Insgesamt betrachtet handelt es sich um ein sehr gelungenes Buch, das den Leserinnen und Lesern einen schönen Einstieg ins Themengebiet „Fantasy“ bietet. Dabei gefällt mir besonders, dass Weinreich über den literaturtheoretischen Ansatz, der maßgeblich von Tzvetan Todorov geprägt wurde, hinausgeht und auch inhaltliche Aspekte sowie die metaphysischen Bedürfnisse der Rezipientinnen und Rezipienten in seine Überlegungen einfließen lässt. Hinsichtlich der Antikenrezeption in Science Fiction, Horror und Fantasy scheint mir besonders die enge Verbindung zwischen dem Mythos und der Fantasy von Bedeutung zu sein, sodass wir sicherlich noch häufiger auf Weinreichs diesbezügliche Überlegungen zurückkommen werden.

[1] Mit dem Begriff Erzählungen sind z.B. literarische Werke, Filme und Serien, Musik, Kunst inklusive Comics sowie Computer-, Brett- und Rollenspiele gemeint.

[2] Diese imaginäre Welt kann dabei durchaus vorgeben, in unserer Vergangenheit zu liegen (vgl. z.B. Robert E. Howards „Conan der Barbar“), oder teilidentisch mit unserer Welt sein (vgl. z.B. die „Harry Potter“-Reihe)

[3] Neben Horror und Science Fiction zählt auch die Fantasy zu den Untergattungen der Phantastik. Der Begriff Phantastik erweist sich jedoch als ebenso umstritten wie der der Fantasy, was ich an anderer Stelle etwas ausführlicher beleuchte.

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