Vom Gott des Todes zum Titanen des Terrors: Marvels Thanos und die griechische Mythologie.

Vorbemerkung Michael Kleu: Mit Tim Korylec hat der Blog nun einen „Marvel-Beauftragten“, der sich durch die rezeptionsreichen Untiefen dieses Comic-Universums arbeiten wird und uns heute ein erstes Ergebnis präsentiert.

Zehn Jahre lang hat das Marvel Cinematic Universe (MCU) unterschwellig auf den großen Kampf dieses Charakters vorbereitet und in 18 Filmen durfte er seine Brotkrümel auslegen, ehe er in Avengers: Infinity War 2018 seinen bisher größten Handlungsstrang erhielt: Thanos, der Mad Titan des Marvel Universums. Ob Masterlord, Overmaster oder Thanos Rex; jeder dieser Übernamen gilt als literarische Beschreibung eines der bösesten und bedrohlichsten Schurken, die im Marvel-Verlag bisher erschienen sind. Seinen ersten Auftritt hatte der vom Saturnmond Titan stammende Thanos im Comicheft Iron Man #55 aus dem Jahr 1973. Nachdem Marvel in den darauffolgenden Jahren große Begeisterung für die Figur geerntet hatte, entschlossen sich die Thanos-Schöpfer Jim Starlin und Mike Friedrich 1990 dazu, ihm eine Origin-Story in der Ausgabe #37 des Silver Surfers zu verpassen.

Thanos stammt von den Eternals ab, einer unsterblichen menschlichen Rasse („Homo immortalis“) mit außergewöhnlichen Kräften. Im Laufe der Jahre spalteten sich die Eternals in zwei Fraktionen: Eine friedliebende Gemeinschaft angeführt von Thanos‘ Großvater Kronos und eine kriegerische Fraktion unter dem Kommando von Kronos‘ Bruder Uranos, der die Eternals nach einem langen Bürgerkrieg aufteilte und die Widersacher ins All verbannte. Viel deutlicher kann man Bezüge zur griechischen Mythologie, in der Kronos seinen Vater Uranos stürzte, um dann selbst von seinem Sohn Zeus besiegt zu werden, kaum einfließen lassen. Im Gegensatz zu seinem Bruder Eros (altgriechisch „Liebe“), der als Eternal zur Welt kam, wird Thanos jedenfalls mit dem Deviant Syndrom geboren, was ihn zu einer missgebildeten Form der Eternals macht. Er besitzt übermenschliche Intelligenz und Stärke, ist nahezu unverwundbar und kann Energie kontrollieren und manipulieren. Neben seinen übermenschlichen Fähigkeiten liebt er den Tod und das nicht nur im übertragenden Sinn: In seiner Jugend ist Thanos schwer verliebt in eine Frau, die er auf seinem Heimatmond Titan trifft. Er zerstört unzählige Welten, nur um sie zu beeindrucken. Die Frau entpuppt sich als die Figur Lady Death, die literarische Personifizierung des Todes; für sie sammelt er die Infinity-Steine, um ganze Galaxien auszulöschen.

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Photo: Tim Korylec

Während der heutige männliche Vorname Thanos auf die altgriechische Ausgabe des Athanasios (latinisiert Athanasius) zurückzuführen ist und „der Unsterbliche“ bedeutet, entstammt der Name der Comicfigur der griechischen Personifizierung des Todes, Thanatos. Dieser symbolisiert einen Daimon in der griechischen Mythologie, sein römisches Abbild ist Mors (oder auch Letus). In Hesiods Theogonie ist Thanatos der Sohn von Nyx, der griechischen Göttin der Nacht. Während sein Bruder Hypnos, Gott des Schlafes, seine Streifzüge über Erde und Meer unternimmt und als friedlich und freundlich beschrieben wird, hat Thanatos einen „erbarmungslosen Sinn“ und gibt einen Menschen nicht mehr frei. In Homers Ilias wird er als Gestalt mit schwarzen Flügeln und finsterem Blick dargestellt, der den Sterbenden immer eine Locke abschneidet.

Thanos ist demnach im Wesentlichen die Personifizierung eines „dunklen Gottes“, sowohl in den Comics als auch in den Film-Adaptionen. Er stammt von einer Rasse ab, die weitaus mächtiger und langlebiger ist als gewöhnliche Menschen, jedoch ist sein Ursprung nicht auf der Erde, obwohl er menschliche Züge besitzt. Er ist die literarische Symbolisierung eines höheren Wesens, das von genetisch modifizierten Menschen abstammt und aus dem Weltraum kommt. In der Marvel-Historie lässt sich dieses Muster bei mehreren Figuren nachweisen. Denn es ist ein immer wiederkehrendes Muster im Marvel-Universum, dass Göttergeschlechter, die wir aus der Menschheitsgeschichte kennen, im Comic als Außerirdische mit besonderen Kräften dargestellt werden, sodass die Asgardianer beispielsweise die nordischen Götter und die Olympier deren hellenisches Pendant symbolisieren. Sie alle haben leicht unterschiedliche Ursprünge und repräsentieren verschiedene Zivilisationen. In unserer Realität wurden sie von den Menschen als kaum greifbare Götter verehrt, im Marvel-Universum existieren sie tatsächlich.

Dem Mythos zufolge gab es nur zwei „Menschen“, die Thanatos überlisten konnten: Herakles – der natürlich ein Halbgott ist – im Ringkampf und Sisyphos durch eine List. In den Comics sind es Drax der Zerstörer und Adam Warlock, die Thanos letztendlich überwältigen. Es ist zudem kein Zufall, dass Thanos‘ Bruder in den Marvel-Comics Eros heißt: Sigmund Freud beschrieb in seiner Psychoanalyse Thanatos als Todestrieb und erweiterte die Vorstellung vom dialektischen Gegensatzpaar Thanatos-Eros, nachdem die Begriffe durch den österreichischen Psychoanalytiker Ernst Federn eingeführt worden waren. Nach dessen Theorien ist das menschliche Seelenleben von einem ständigen Liebes- und Todestrieb geprägt, die beide gleichsam versuchen sich einen Zutritt zum Bewusstsein zu verschaffen. Mit anderen Worten: In jedem Menschen steckt ein Thanos und ein Eros.

4 Kommentare zu „Vom Gott des Todes zum Titanen des Terrors: Marvels Thanos und die griechische Mythologie.

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  1. „Denn es ist ein immer wiederkehrendes Muster im Marvel-Universum, dass Göttergeschlechter, die wir aus der Menschheitsgeschichte kennen, im Comic als Außerirdische mit besonderen Kräften dargestellt werden, sodass die Asgardianer beispielsweise die nordischen Götter und die Olympier deren hellenisches Pendant symbolisieren. Sie alle haben leicht unterschiedliche Ursprünge und repräsentieren verschiedene Zivilisationen. In unserer Realität wurden sie von den Menschen als kaum greifbare Götter verehrt, im Marvel-Universum existieren sie tatsächlich.“

    Sehr interessante Schlussfolgerung. Es gibt eine Onkel Dagobert-Geschichte von Carl Barks, die genau diesem Muster folgt. Dort leben Thor, Jupiter und co alle auf einem Planeten, der einmal zu nah an die Erde gelangt ist. Seitdem verehren die Menschen in Entenhausen und dem Rest der Welt. diese „Wesen“ als Götter.

    Gefällt 1 Person

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