Mythos Star Wars – Star Wars als Mythos?

Nach den Episoden IV, V und VI folgten lange Zeit keine neuen Filme, dafür aber eine ganze Reihe von Romanen, Computerspielen, Comics, Rollenspielen etc., die das Star Wars-Universum derart ausbauten, dass Star Wars-Schöpfer George Lucas schließlich eine offizielle Stelle einrichten ließ, deren Aufgabe es war zu überprüfen, ob jede Neuerscheinung inhaltlich mit den vorherigen Veröffentlichungen harmonisierte, also nichts erzählt wurde, was an anderer Stelle bereits anders geschildert worden war. Auf diese Weise entstand ein Kanon, der in Untergruppen mit unterschiedlichen Ansprüchen auf Authentizität eingeteilt wurde. Sollten sich zum Beispiel allen Bemühungen um ein einheitliches Universum zum Trotz Angaben aus einem der Star Wars-Filme mit den Schilderungen eines Comics widersprechen, ist dem Film der Vorzug zu geben, da dieser zur höchsten Kategorie G (G wie George Lucas) zählt, während das Comic mit Romanen und Videospielen nur zur dritten Kategorie C gehört. Solche Widersprüche können einerseits aufgrund der schieren Größe und der damit verbundenen Unübersichtlichkeit des Star Wars-Universums auftreten, andererseits aber auch, weil George Lucas sich nicht von dem auf diese Weise entstandenen sogenannten „Erweiterten Universum“ (Extanded Universe) einschränken lassen wollte, wenn er ein neues Projekt in Angriff nahm. Nachdem Disney Lucafilm und somit auch Star Wars aufgekauft hatte, ging diese Firma einen Schritt weiter und erklärte einen guten Teil des Erweiterten Universums für unkanonisch, um ihrerseits freie Hand für zahlreiche neue Filme zu haben. Was nun als unkanonisch gilt, wird jedoch nicht einfach gestrichen, sondern unter dem Label „Legends“ weiter vertrieben. Somit existieren jetzt also verschiedene Versionen zu diversen Figuren des Star Wars-Universums, was vermutlich noch zunehmen wird, da Disney die Star Wars-Kuh sicherlich melken wird, bis nichts mehr aus ihr rauszuholen ist, tut der Konzern doch dasselbe mit dem Marvel-Universum, das er ebenfalls aufgekauft hat. Hinzu kommen die zuvor schon nicht als kanonisch geltenden Geschichten sowie Fan-Fiction. [Weiter geht es unter dem Bild.]

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(Vielen Dank an Lena, die so nett war, mir zwei ihrer Bilder zur Verfügung zu stellen. Mehr zu ihr findet Ihr weiter unten. Photo: Torsten Goltz)

Was hat das nun alles mit Antikenrezeption zu tun? Star Wars ist seit der Ausstrahlung von Episode IV im Jahr 1977 tief in der Populärkultur verwurzelt und hat durch die späteren Filme, Serien, Computerspiele, Comics, Actionfiguren, Rollenspiele, Modellbausätze usw. immer wieder neue Generationen für sich gewonnen, sodass es wohl nicht allzu selten passiert, dass in der Spielzeugabteilung Menschen sämtlicher Alterstufen nebeneinanderstehen und sich für dieselben Produkte interessieren. Sollte dieses Phänomen noch länger anhalten, stellt sich die Frage, ob Star Wars – wie auch The Lord of the Rings – irgendwann so tief in unserer Kultur verankert ist, dass es mit Elementen der griechisch-römischen Mythologie vergleichbar wird. Dies wäre letztlich nicht überraschend, beginnt Star Wars doch wie ein Märchen in einer fernen Vergangenheit (A long time ago in a galaxy far, far away) und beinhaltet „übernatürliche“ Mächte oder Kräfte sowie Elemente des Heldenepos und der Heldenreise (s.u.). Schließlich hat George Lucas auch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Joseph Campbells The Hero with a Thousand Faces einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung der Geschichte der ersten Star Wars-Filme hatte. Dieses Buch handelt grob zusammengefasst davon, dass sämtliche Mythen der Welt, die es geschafft haben über längere Zeit von Bedeutung zu bleiben, ähnliche Strukturmerkmale aufweisen, die Campbell in der sogenannten „Heldenreise“ zusammenfasste. (Sich an den Kernelementen sämtlicher bedeutender Mythen der Welt zu orientieren, war sicherlich keine sonderlich schlechte Voraussetzung dafür, einen weltweiten Erfolg einzufahren.) Zum Mythos passt auch, dass spätestens seit dem Aufkauf durch Disney verschiedene Versionen einzelner Erzählstränge existieren, wobei es alles andere als unpassend ist, dass die nicht mehr als kanonisch geltenden Versionen nun unter dem Label „Legends“ laufen. Schließlich ist es im Mythos keine Seltenheit, dass es z.B. mehrere Versionen zu Abstammung oder Tod verschiedener Götter und Helden gibt. (Man müsste genauer zwischen Begriffen wie Mythen, Mythologie, Legenden, Märchen usw. unterscheiden, doch ist das hier aus Platzgründen nicht möglich). Vielleicht ist es für die Mythenbildung sogar von Vorteil, wenn nicht nur eine einzige Version einer Geschichte existiert, sondern mehrere, sodass mit demselben Grundthema unterschiedliche Adressaten angesprochen werden können. [Unten geht es weiter mit dem Text.]  

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(Hier das zweite Bild von Lena, zu der es unten mehr Informationen gibt. Photo: Torsten Goltz)

Die Antikenrezeption ist in diesem Fall also indirekt, da sich George Lucas durch Joseph Campbell vom Mythos im Allgemeinen und somit „nur“ unter anderem von der griechisch-römischen Mythologie inspirieren ließ. Die spannende Frage ist aber nun, ob es ihm gelungen ist, einen neuen dauerhaften Mythos zu schaffen, der nicht schon in ein paar Jahrhunderten vergessen ist. Werden sich die Menschen in 3.000 Jahren vielleicht immer noch für Anakin und Luke Skywalker interessieren, so wie wir uns immer noch für Herakles, Hektor, Odysseus und Achilles interessieren? Werden Klassische Philologen und andere Altertumswissenschaftler der Zukunft sich vielleicht ebenso fragen, ob es diesen George Lucas wirklich gegeben hat wie wir heute den oder die Dichter von Ilias und Odyssee diskutieren? Wie Joseph Campbell schon sagte, lässt sich nicht voraussagen, welcher Stoff zum dauerhaften Mythos taugt und welcher nicht. Sicher ist, dass der Mythos Aspekte ansprechen muss, die die Menschen über Generationen hinweg bewegen und vielleicht sogar als anthropologische Konstanten zu betrachten sind (Angst vor dem Tod, Frage nach dem Sinn des Lebens usw.). Nach heutigem Stand scheint Star Wars – wie auch The Lord of the Rings – jedenfalls durchaus das Zeug dazu zu haben, noch eine ganze Weile lang nicht in Vergessenheit zu geraten.

Mehr zum Thema Star Wars findet Ihr hier.

Mehr von Model Lena, von der die beiden tollen Bilder stammen, findet Ihr hier: Facebook, Instagram.

 

 

14 Kommentare zu „Mythos Star Wars – Star Wars als Mythos?

Gib deinen ab

  1. Es wäre mir lieb, wenn man bei STAR WARS, LORD OF THE RINGS, etc. mehr mit dem Begriff MONOMYTHOS operieren würde, der ja für eine derartige Literatur und Erzählweise von Joseph Campbell geprägt wurde. Der Begriff MYTHOS, das ist dem Antikenrezeptionisten sicher völlig klar, ist bereist fest belegt. Aber auch diese Überlegungen sind sicher einer eingehenderen Betrachtung wert, wie ich finde. Ebenso lässt sich trefflich über die Ausweitung des MYTHOS-Begriffes diskutieren. Also, ich freue mich auf eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik, denn the game ist afoot, Watson. 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Alles richtig! Ich habe einfach nicht genug Zeit und genug Platz 😉

      Aber im Ernst: Das hier ist alles work in progress und wird mit jedem neuen Gedanken, der mir kommt, und jedem Hinweis, den ich erhalte, ausgebaut.

      Wie ich schon im Beitrag anmerkte, habe ich als Althistoriker selbst Bauchschmerzen dabei, so unpräzise mit Begriffen wie Mythos, Legende, Märchen etc. umherzuwerfen. Als didaktische Reduktion halte ich das aber erstmal für vertretbar.

      Vielleicht wird da sogar mal ein Buch draus.

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      1. Wenn du dabei Hilfe brauchst, sag Bescheid, ich bin Theologe, Germanist und habe sogar auch ein paar Semester Geschichte studiert. 😉

        Helfe gerne, wo ich kann, denn die Heldenreise soll noch Eingang in meine Diss finden. Wenn ich sie denn jemals fertig schreiben werde. 😉

        Viele Grüße
        Peter

        Gefällt 1 Person

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