Es ist nicht tot, was ewig liegt … Von Mumien und mesopotamischen Dämonen

Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.“ (Original: That is not dead which can eternal lie. And with strange æons, even death may die.) Dieses Zitat aus H.P. Lovecrafts The Call of Cthulhu passt schön zu einem Phänomen, dem ich mich heute widmen möchte: Der Verwendung ägyptischer und altorientalistischer Elemente im Horror-Genre.

Wenn wir an das alte Ägypten denken, dürften den meisten relativ schnell Totenkult, prächtige Grabanlagen und Mumien in den Sinn kommen, da diese Elemente der ägyptischen Kultur bis heute eine große Faszination ausüben, was sich dementsprechend auch in der Populärkultur widerspiegelt. Auf das Horror-Genre bezogen erfreuen sich in diesem Zusammenhang besonders die Mumien einer großen Beliebtheit. Dies dürfte darin begründet liegen, dass es sich bei Mumien um mehr oder weniger gut erhaltene Leichname handelt, die mehrere tausend Jahre alt sein können und – besonders wenn sie mit Binden umwickelt sind – in einer Form präpariert wurden, die den meisten heutigen Kulturen exotisch-fremd erscheinen dürfte. Somit ergeben die Adjektive „uralt“, „tot“ und „fremd“ eine Kombination, die wie geschaffen erscheint, um Menschen zum Schaudern zu bringen. Richtig gruselig wird es natürlich, wenn sich eine solche Mumie als untot erweist und zu einer Bedrohung für die Lebenden wird. Dementsprechend zahlreich sind dann auch die Auftritte untoter Mumien in Theater, Literatur sowie Film und Fernsehen. So haben sich z.B. Edgar Allan Poe, Arthur Conan Doyle und Bram Stoker mit dieser Thematik auseinandergesetzt, während dem Kinopublikum die Produktionen der Hammer Film Productions, die Filme mit Brandon Fraser oder neuerdings auch The Mummy mit Tom Cruise in Erinnerung geblieben sein dürften. (Zu meinen Lieblingen gehört definitiv auch die US-amerikanische Horror-Komödie Bubba Ho-Tep mit Bruce Campbell, auf die ich unten noch zu sprechen kommen werde.)

PazuzuDemonAssyria1stMillenniumBCEStatuette des Pazuzu, Louvre (Von PHGCOM – self-made, photographed at Le Louvre, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2221023)

Die oben herausgearbeiteten Adjektive „uralt“ und „exotisch-fremd“ gelten ebenso für die mesopotamischen Kulturen, auf die das Horror-Genre ebenso gerne zurückgreift. Hier geht es dann aber weniger um untote als vielmehr um übernatürliche Wesen wie Dämonen. So beginnt etwa der Horror-Klassiker Der Exorzist damit, dass eine Figur des mesopotamischen Dämons Pazuzu im Nordirak bei einer Ausgrabung gefunden wird, was eine Reihe furchtbarer Ereignisse auslöst, die ich hier aufgrund der allgemeinen Bekanntheit des Films sowie des diesem zugrundeliegenden Buches wohl nicht genauer ausführen muss. Man hat hier also einen „realen“ Dämonen genommen, den wir aus den altorientalischen Kulturen kennen, und lässt diesen dann in der heutigen Zeit sein Unwesen treiben.

Anders gingen die Macher von Ghostbusters I vor, die ihre Hauptbösewichter, Gozer und seinen Gehilfen Zuul, zwar in den mesopotamischen Kulturraum einordneten – namentlich erwähnt werden Sumerer und Hethiter, die Gozer als Gott verehrt haben sollen -, die beiden Wesen und ihre Namen letztlich jedoch frei erfunden haben. Auch wenn sich die Macher hier also keiner „echten“ mesopotamischen Dämonen bedienten, hielten sie immerhin das kulturelle Setting für passend für die Hintergrundgeschichte ihrer übernatürlichen Wesen.

GhostbustersII.jpgModelle der Ghostbusters auf der ComicCon in Dortmund 2017 (Photo: Michael Kleu)

Gelegentlich trifft man in der Phantastik auch auf den altorientalischen Gott Baal, den die meisten heute vermutlich als phönizisch-karthagische Gottheit kennen und der auch in der Bibel namentlich erwähnt wird. Dieser Baal wurde in der christlichen Welt irgendwann zu einem Dämonen umfunktioniert, gegen den man dann auch im Computerspiel Diablo II – Lord of Destruction antreten muss. Götter anderer Kulturen oder Glaubensrichtungen zu dämonisieren, ist dabei kein ungewöhnliches Phänomen, ist doch auch die optische Ähnlichkeit zwischen dem griechischen Gott Pan und der christlichen Vorstellung vom Teufel alles andere als zufällig … [1].

Kommen wir nun zur The Evil Dead-Reihe. Im ersten Teil der Reihe fahren fünf Studentinnen und Studenten (u.a. Bruce Campbell) in eine abgelegene Hütte, in deren Keller sie auf ein sumerisches Buch stoßen, das eine Sammlung von Zaubersprüchen, Beschwörungsformeln usw. beinhaltet und den Titel naturom demonto trägt, was im Film als Buch der Toten übersetzt wird. Dieses in Menschenfleisch gebundene und in Blut geschriebene Werk erinnert einerseits an das ägyptische Totenbuch, andererseits handelt es sich um eine ganz klare Anlehnung an H.P. Lovecrafts Necronomicon, was sich z.B. daran zeigt, dass auf das eingangs angeführte Zitat „Es ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass die Zeit den Tod besiegt.“ angespielt wird. Auch erinnern einzelne Zeichnungen aus dem Buch stark an Lovecrafts Schöpfungen. Ob es sich bei den Schriftzeichen um echtes Sumerisch oder um Phantasiebildchen handelt, kann ich nicht sagen, ich werde aber versuchen, es herauszufinden. Bei dem Buch finden sich jedenfalls Tonbänder, auf denen ein Archäologe davon berichtet, wie er das Buch bei Ausgrabungen gefunden hat, bevor er schließlich aus ihm vorliest, wodurch dann – natürlich – großes Unheil heraufbeschworen wird.

DSC05670Photo: Michael Kleu

Dabei eignet sich die sumerische Sprache im Kino hervorragend für Formeln dunkler Magie, da Worte und Klang – insofern wir diesen überhaupt halbwegs korrekt rekonstruieren können – dem heutigen Publikum natürlich besonders fremd vorkommt, sodass das vorgetragene Sumerisch im Film durch eine gute Inszenierung durchaus unheimlich wirkt. Grundsätzlich ist es kein Zufall, dass in der Phantastik gerne auf die sogenannten toten Sprachen zurückgegriffen wird. So werden Zaubersprüche ja auch häufig auf Latein wiedergegeben. Die Verwendung toter Sprachen hat sicherlich den Vorteil, dass es eben echte Sprachen sind, die sich nicht nach Phantasiegebrabbel anhören, aber dennoch schön mysteriös wirken.

Der oben angesprochene Film Bubba Ho-Tep, in dem der im Altersheim lebende Elvis Presley und der in einen Afroamerikaner umgewandelte J.F. Kennedy gemeinsam gegen eine Mumie antreten, verwendet tote Sprachen übrigens auf ganz andere Art, wenn die Mumie an einer Toilettenwand im Altenheims in Hieroglyphenschrift ziemlich unflätige Schmierereien über den Pharao und eine Dame namens Kleopatra hinterlässt … Dies ist – zumindest auf die Antike bezogen – übrigens alles andere als unrealistisch, haben wir aus dem römischen Pompeji doch unzählige solcher humorvoll-spöttischer Kritzeleien überliefert, wie sie z.B. mein Kollege Andrea Spal untersucht hat.

Wo wir gerade schon bei Humor sind, muss natürlich auch noch die Miss Mumie des Jahres 982 v.Chr. Erwähnung finden, die man beim Lucasfim Games-Klassiker Maniac Mansion in voller Pracht bewundern kann (s.u.).

Und somit gilt im Horror-Genre sowohl in Bezug auf die Ägyptologie als auch auf die Altorientalistik: That is not dead which can eternal lie. And with strange æons, even death may die.

[1] Eine kommentierte Auflistung sämtlicher in der Bibel erwähnten Götter und Dämonen findet sich im von Karel van der Toorn, Bob Becking und Pieter W. van der Horst verfassten Dictionary of Deities und Demons in the Bible (2. Auflage, Leiden/Boston/Köln 1999).

2018-05-15 (1)

Screenshot aus Maniac Mansion (ursprünglich Lucasfilm Games 1987, hier in der kostenlosen Deluxe-Version von 2004)

Dieser Artikel wurde von Ma-Go Filmtipps mit dem Goldenen Lesezeichen für den Monat April 2018 ausgezeichnet.

21 Kommentare zu „Es ist nicht tot, was ewig liegt … Von Mumien und mesopotamischen Dämonen

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  1. Den alten Kumpel Baal kenne ich auch als Namensgeber der Baali, einer Antagonisten-Blutlinie in Vampire: The Mascquerade. Da gibt‘s auch einen Haufen Anlehnungen 😉

    Schön finde ich auch die positive Umdeutung von im Horror vorkommenden Anleihen an die Antike.

    Die Verfilmung von Stokers Mumie in Schwarzweiß hat mir als Kind wochenlange Albträume beschert, als ich aus dem Bett geschlichen über die Sessellehnen meiner Großeltern hinweg zu viel davon mitbekam … denn außerhalb des Horrors fand ich schon früh Mumien faszinierende Zeugnisse einer versunkenen Zeit. Erst recht, als mir klar wurde, dass man sie ja auch zerstörungsfrei untersuchen kann (mit Röntgenstrahlung in Form von Schattenbildern oder CT).

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      1. Die haben da ein paar nette Konzepte drin, ja. Es gab auch einen Mumien-Spinoff, in dem Fragmente der Seele mumifizierter, altägyptischer Toter in den Körper eines schwachen, neuzeitlichen, frisch gestorbenen Individuums reinkarnierten und diese Seele komplettierten, um sie stark zu machen. Ich hab‘ das Quellenbuch noch rumliegen, erinnere mich aber nicht an Details. Ich hatte da einen sehr netten Charakter gebaut, der eine (fiktive) Priesterin aus dem Umfeld von Neferu-Re in ein Steinigungs-Opfer reinkarnieren ließ … hach, ich könnte nun in alten Geschichten schwelgen.

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      2. Mumien: Die Wiedergeburt heißt es, war ein Ergänzungsregelwerk zum alten Vampire/Werwolf/usw., damals verlegt von Feder&Schwert in Deutscher Übersetzung, Original von White Wolf. Hübsches braunes Büchlein, ich hab’s gerade mal aus dem Schrank gekramt.

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  2. Die US-Serie ,,Supernatural“ bedient sich auch immer querbeet aus allen Kulturen. Ägypten ist allerdings selten vertreten; summerische Gottheiten/Dämonen kommen da deutlich häufiger vor.
    Die Filmtipps aus dem Artikel habe ich mir sofort notiert. 😉
    Hättest du Empfehlungen zu Sekundärliteratur zu H. P. Lovecraft oder Poe zur Hand?

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  3. Nicht nur Bubba Ho-Tep (Sandra und ich lieben den Film ja), nein auch noch Evil Dead. Das Buch ist eine sehr offen gelebte Anlehnung an Lovecraft.
    1. Bruce Campbell ist Gott
    2. Ich muss dringend wieder Bubba Ho-Tep schauen. Auf zum DVD Regal!

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    1. 1. So sieht’s aus!
      2. Ich auch 😉

      Interessant, mal auf Leute zu treffen, die den Film auch mögen! Außer meinem Vetter kannte ich bisher niemandem, dem er auch gefallen hat 😉

      Außerdem bin ich großer Unterstützer der Idee, Bruce Campbell ein Kommando im neuen Star trek-Film zu geben:

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  4. Den Exorzisten habe ich in meinem Leben bestimmt schon vier, fünf Mal gesehen und mag ihn sehr. Ich bin aber jedes mal wieder überrascht, wenn der Film mit Vater Merrick im Irak beginnt. Keine Ahnung warum ich das immer vergesse.

    Gozer hingegen bleibt in Erinnerung. Nicht nur das uralte Gottheiten aus dem Kühlschrank kommen können, wenn sie fragen, ob man ein Gott sei, sollte man lieber mit „ja“ antworten (obwohl ich sicher bin, das geht in beide Richtungen schief).

    Und Bubba Ho-Tep ist großartig. Muss ich unbedingt mal wieder sehen. Campbell hat sogar einen Audiokommentar in Character als Elvis eingesprochen…

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    1. Ich hatte auch überhaupt nicht mehr auf dem Schirm, dass der Dämon aus Mesopotamien stammt.

      Ich denke ja, dass die Ghostbusters-Macher Schiss hatten, „echte“ Dämonen zu verwenden. Aberglaube bringt zwar Unglück, aber man kann ja nie wissen 😉

      Ich suchte gestern auf Deinem Blog nach einer Besprechung von Bubba Ho-Tep und prangere hier höchst offiziell an, dass ich keine gefunden habe 😉

      Dafür habe ich aber auf Deiner Twitter-Seite Deine Beiträge zu Teufeln, Geistern usw. gefunden, die ich noch durchlesen möchte.

      Den Audio-Kommentar habe ich mir noch gar nicht angehört. Muss ich noch machen!

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      1. Ich gelobe spätestens diesen Oktober den unhaltbaren Bubba Ho-Tep Misstand auszugleichen! 😉
        War eigentlich schon letztes Jahr geplant, ich weiß nicht mehr, was dazwischen kam.

        Ich warne schon mal vor, dass Al Pacino aus Im Auftrag des Teufels nicht in meiner Teufelsliste auftaucht. Ein oft vorgetragener Kritikpunkt.. 😉

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  5. In dem Kontext wäre es vlt noch passen, dass der Orient und Ägypten bereits in der Antike einerseits mit Zauberei und Wiedernatürlichkeit in verbindung gebracht wurde. Andererseits auch als Ursprung von vielen Errungenschaften gilt. Solon soll doch in Ägypten inspiration für seine Gesetzte gefunden haben. Damit hatten Griechen ein ähnlich ambivalentens Bild vom alten Orient und Ägypten, wie wir heute.
    Wahrscheinlich müssten die von ihnen genannten Buchauthoren auf römisch/griechische Berichte und christliche Beschreibungen zurückgreifen.

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    1. Vollkommen richtig! Da gibt es auch einiges an Forschungsliteratur zu.

      Auch die Ägyptenreisenden ab dem 17. Jh. scheinen da äußerst prägend für unser heutiges Bild gewesen zu sein.

      Ich überlege gerade, noch eine extra Rubrik mit einer umfassenden Bibliographie zum Thema anzulegen.

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