Star Trek TOS: Captain Kirk trifft auf den Gott Apollon

In der Episode „Who mourns for Adonais“ (Staffel 2, Folge 4) trifft die Enterprise unter dem Kommando von Captain Kirk auf dem Planeten Pollux IV auf den „Gott“ Apollon. Das Wort Gott steht in Anführungszeichen, da sich herausstellt, dass Apollon und die anderen uns bekannten olympischen Göttinnen und Götter Griechenlands – namentlich erwähnt werden Zeus, Athene, Aphrodite, Artemis, Pan, Hermes und Hera – 5.000 Jahre zuvor als weit überlegene außerirdische Besucherinnen und Besucher auf die Erde kamen und dort von den „primitiven“ Bewohnern des späteren Griechenlands als Götter wahrgenommen und verehrt wurden. Da sich die Menschen irgendwann weiterentwickelt hatten und die Götter in Vergessenheit gerieten, beschlossen die Olympier – sie scheinen auf der Erde tatsächlich auf dem Olymp gelebt zu haben – in ihre Heimat zurückzukehren. Apollon berichtet, dass man sich zum Abzug entschieden hätte, da man keine Gewalt anwenden wollte, was nicht gänzlich zu dem Bild passt, das er selbst in dieser Episode abliefert. Auf ihrem Planeten angekommen wurde es den extrem langlebigen oder vielleicht sogar unsterblichen Göttern jedenfalls scheinbar zu langweilig, sodass sich zunächst Hera und dann alle Anderen bis auf Apollon dazu entschieden hatten, ihre körperliche Existenz aufzugeben und in eine andere Daseinsform überzuwechseln.

So lebt Apollon nun alleine auf dem Planeten, auf dem man an Gebäuden lediglich seinen Tempel sieht, in dem sich eine Art Thron für ihn befindet, an den eine goldene Leier angelehnt ist (s.u.). Im direkten Umfeld befinden sich noch ein paar Statuen, Vasen, ein Marmortisch mit einer Schale mit Obst und Weintrauben, was alles zusammengenommen einen Eindruck von klassischer Antike vermitteln soll. Daran ist auch die eher spärliche Bekleidung Apollons angepasst, trägt er doch lediglich ein knappes Gewand, goldene Sandalen und auf dem Kopf einen Lorbeerkranz. Sein durchtrainierter Körper gleicht dem einer griechischen Statue. Schließlich ist auffällig, dass der Gott der Crew gegenüber eine Sprache verwendet, als würde er mit Menschen sprechen, die zur Zeit seines Besuches auf der Erde vor 5.000 Jahren lebten.

In der Hoffnung, dass seine „Kinder“ irgendwann lernen würden, die Sterne zu bereisen, hat Apollon anders als die übrigen Göttinen und Götter sehnsüchtig auf das Erscheinen von Menschen gewartet, um sie nun wieder seiner Obhut zuzuführen. Die Kühnheit der Weltraumreise als auch der Widerwille Kirks, sich der Herrschaft Apollons zu unterwerfen erinnern diesen an „Menschen“ wie Agamemnon, Hektor, Herakles und Odysseus, die er offensichtlich zu seinen Erdenzeiten kennengelernt hat. An späterer Stelle erinnert sich Apollon außerdem an die jeweilige Schönheit von Daphne und Kassandra. Mr. Spock hingegen mag er nicht, da er ihn wegen seiner Ohren („pointed ears„) an Pan erinnere, der ihn immer gelangweilt habe. Er wolle aufgrund des freudigen Widersehens fröhliche Gesichter sehen und keine ernsten. Da der Pan der griechischen Mythologie nicht wirklich als langweilig und ernst beschrieben werden kann, scheint es sich bei diesem Vergleich eher um eine witzig gemeinte und rein auf das Äußerliche bezogene Verballhornung Spocks zu handeln, die gleichzeitig erklärt, weshalb dieser sich nicht mit auf den Planeten begibt, sondern von der Enterprise aus nach einer Lösung für das Problem suchen kann, sich aus der Macht Apollons zu befreien (s.u.). Größten Gefallen findet Apollon hingegen an Lieutenant Carolyn Palamas, die passenderweise Offizierin für Anthropologie, Archäologie und antike Zivilisationen ist und sich auch ihrerseits sehr für ihren göttlichen Verehrer begeistern kann. Schnell fasst Apollon den Plan, mit der Menschenfrau ein neues Göttergeschlecht zu zeugen, schließlich sei auch seine Mutter Leto „nur“ ein Mensch gewesen. Passend zu seiner eigenen Kleidung lässt er Palamas in Anlehnung an Artemis ein obenrum eher knappes Kleid tragen, das einen Arm für den Bogen freilässt und insgesamt vielleicht eher etwas phantastisch-orientalisch wirkt. Es fällt dieser Offizierin zu, Kirk – und das Publikum vor dem Fernseher – mit etwas mehr Hintergrundwissen zu Apollon zu versorgen. So wird dieser als Zwillingsbruder der Artemis, als Sohn von Zeus und Leto (s.o.), als Gott des Lichts und der Reinheit vorgestellt, der darüber hinaus über besondere Fähigkeiten im Umgang mit Bogen und Leier verfügte.

Apollon zwingt Kirk jedenfalls, mit einem Teil der Besatzung auf den Planeten zu kommen und erklärt dort, dass sich die gesamte Crew auf Pollux IV ansiedeln solle, um ihn als Gott zu verehren, ihm Opfer darzubringen und Lorbeerblätter für ihn zu sammeln, denn es stellt sich heraus, dass sich die Götter nach Liebe, Verehrung und Aufmerksamkeit sehnen wie Menschen nach Nahrung. (Vgl. zur Abhängigkeit der Götter von menschlicher Verehrung Aristophanes‘ „Die Wolken“.) Im Gegenzug bietet Apollon auf Basis seiner übermenschlichen Kräfte der Besatzung der Enterprise ein sorgenfreies Paradies an, in der sie als Hirtenvolk unbeschwert leben soll, was jedoch von Kirk als Sklaverei betrachtet und dementsprechend abgelehnt wird.

Die angesprochenen Kräfte des Apollon umfassen die Fähigkeit seine Größe zu ändern und scheinbar aus dem Nichts zu erscheinen bzw. wieder zu verschwinden, wobei er auch andere Personen mit sich nehmen kann. Auch ist es ihm möglich, technische Geräte zu manipulieren oder zu zerstören, in bester Darth Vader-Manier aus der Ferne Kehlen zuzudrücken (ob George Lucas diese Folge gesehen hat?) Stürme und Gewitter auszulösen und mit Blitzen zu schleudern. Laut eigener Aussage verfügt er auch über die Kraft, Tote zum Leben zu erwecken. Schließlich vermag er es, mit einem Energiefeld in Form einer gigantischen menschlichen Hand, die Enterprise im Weltraum „festzuhalten“ und gefährlichen Druck auf ihre Hülle auszuüben. Diese Macht ist auf ein den Menschen unbekanntes Organ im Körper des Apollon zurückzuführen, das seinerseits von einer Energiequelle innerhalb des Tempels gespeist wird, sodass eine mehr oder weniger rationale Erklärung für die übermenschlich erscheinenden Fähigkeiten geboten wird. Jedoch verfügt der Gott nicht über unbegrenzte Macht, sondern muss sich gelegentlich zur Regeneration zurückziehen, was Kirk daran erinnert, dass göttliche Ruhepausen auch in der antiken Überlieferung erwähnt würden. Die Erkenntnis über diese Energiequelle führt schließlich dazu, dass die Enterprise den Tempel zerstört und der dadurch seiner Kräfte beraubte Apollon den anderen Olympiern in die oben angesprochene andere Daseinsform folgt.

Es ist typisch für Star Trek, Götter und ihre Fähigkeiten rational zu erklären und es gibt verschiedene Episoden, in denen das Phänomen besprochen wird, dass „primitive“ Kulturen Außerirdische aufgrund ihrer technischen Überlegenheit fast zwangsläufig als göttliche Wesen betrachten müssen (vgl. z.B. die Episode „The Paradise Syndrom„, Staffel 3, Folge 3). Daher soll die oberste Direktive der Sternenflotte, die – zumindest in der Regel – zur Nichteinmischung verpflichtet, „primitive“ Kulturen vor Kontakten mit weit fortgeschrittenen Zivilisationen schützen. Als eher ungewöhnlich für Star Trek ist Kirks Erwiderung auf Apollons Forderungen einzustufen, da sie auf die monotheistischen Weltreligionen anspielen: „Mankind has no need for gods. We find the One quite adequate.“

Neben dem Motiv der rationalen Erklärung von Göttern dominiert als zweites Thema die Frage nach großer Macht und Verantwortung die Sendung. So ist Apollon zwar einerseits der Menschheit gegenüber wohlwollend, fürsorglich und zur Liebe fähig, doch gilt dies nur, solange diese bereit ist, nach seinen Regeln zu spielen. Stößt der Gott auf Widerstand, kann er nicht verantwortungsvoll mit seiner ungeheuren Macht umgehen, sondern reagiert äußerst jähzornig und ohne Maß, was für die Menschen fatale Folgen haben kann. Damit ist auch verbunden, dass der Gott den Menschen auf Basis seiner Kräfte ein Leben in einem sorgenfreien Paradies anbietet, Kirk dies aber ablehnt, da es Unfreiheit, Rückschritt und Stagnation bedeuten würde. Diese Problematiken finden sich in unterschiedlichen Ausrichtungen immer wieder im Star Trek-Universum (vgl. George Kovacs). Das Phänomen, dass sich gewaltige Macht negativ auf den Charakter auswirken kann, habe ich an anderer Stelle als Gyges-Effekt bezeichnet (vgl. hierzu auch die Star tek TOS-Episode Plato’s Stepchildren).

Am Ende, nachdem Apollon mit traurigen Worten und Tränen in den Augen zu den übrigen Göttern entrückt ist, ist der Teil der Besatzung, der sich auf Pollux IV befindet, alles andere als glücklich darüber, Apollon bekämpft haben zu müssen, da die Anbetung der olympischen Götter ein goldenes Zeitalter ausgelöst habe, auf dem letztlich auch die eigene Kultur beruhen würde. In Anerkennung dieser kulturellen Leistung endet die Folge mit einer Frage Kirks: „Would it have hurt us, I wonder, just to have gathered a few laurel leaves?“ Dieses halbwegs versöhnliche Ende beruht natürlich auf einer etwas einseitig europäischen Betrachtung der Geschichte, werden so doch die wesentlich älteren Kulturvölker Mesopotamiens und Ägyptens sowie ihre Einflüsse auf das antike Griechenland weitestgehend ausgeklammert, wenn man den Ursprung der griechischen Kultur alleine durch den Besuch außerirdischer Reisender erklärt. Zugegebenermaßen wäre es aber natürlich ziemlich schwierig geworden, dies in die Erzählung zu integrieren.

An kleineren Anspielungen auf die Antike im weitesten Sinne finden sich noch die Bezeichnung des Planeten, der Name der Offizierin sowie der Titel der Episode. Pollux ist die lateinische Bezeichnung für Polydeukes, einen der beiden Dioskuren, der ebenso wie Apollon ein Sohn des Zeus und einer sterblichen Mutter ist. Bei Carolyn Palamas kann man den Vornamen in seiner romanischen Bedeutung als „Geliebte“ verstehen, wobei der Nachname vielleicht eine Anspielung auf Gregorios Palamas, einen byzantinischen Theologen und Heiligen aus dem 14. Jh. n.Chr., oder aber auf den neuzeitlichen Dichter und Historiker Kostis Palamas ist, sicher jedoch einen griechischen Eindruck vermitteln soll. „Who mourns for Adonais“ ist als Titel schließlich etwas überraschend, hat Adonis doch nichts mit der Handlung der Episode zu tun. Daher vermutet George Kovacs, der in dem Titel ein Zitat aus einem Gedicht von Percy Bysshe Shelley erkannt hat, in dem es u.a. um die Unsterblichkeit von Dichtern und deren Werken geht, dass der Titel einerseits das Motiv der Unsterblichkeit aufgreift, andererseits aber vielleicht auch einfach eine gewisse intellektuelle Tiefe suggerieren soll. Schließlich passe das Zitat außerdem gut zum Ende der Episode, da die Besatzung hier um den Verlust des Gottes trauert. Hinzufügen könnte man noch, dass unerfüllte Liebe ein zentrales Motiv sämtlicher Varianten des Adonis-Mythos darstellt, was dazu passen würde, dass Apollon, der auch in manchen dieser Varianten in Erscheinung tritt, in der Episode von den Menschen und ganz besonders von Carolyn Palamas verlassen wird. Schließlich stimmt auch mit dem Inhalt der Folge überein, dass Adonis ein Hirtenjunge ist. Somit wären mit Unsterblichkeit, unerfüllter Liebe und dem Hirtenthema gleich drei Themenkomplexe angesprochen, die sich in der Episode wiederfinden und zur Wahl des Titels beigetragen haben könnten.

Alle namentlich aufgeführten „Menschen“, die Apollon noch von seiner Zeit auf der Erde kennt, entstammen der griechischen Mythologie, wobei ein Schwerpunkt auf Personen liegt, die dem Trojanischen Krieg zuzuordnen sind. Die Autorinnen und Autoren nutzten also eine gewisse Freiheit, diesen mythischen Figuren reale Vorbilder zu geben: Da Captain Kirk in das 23. Jh. n.Chr. einzuordnen ist, müsste Apollon mit den übrigen Göttinnen und Göttern vor der Mitte des dritten Jahrtausends v.Chr. auf der Erde gelebt haben, wobei offenbleibt, wie lange sie dort lebten. Diese zeitliche Einordnung erscheint letztlich jedenfalls etwas zu früh angesiedelt zu sein, datierten antike Autoren den Trojanischen Krieg doch eher in das 12. Jahrhundert v. Chr. Streng genommen ist es natürlich auch fraglich, ob im dritten Jahrtausend v.Chr überhaupt schon Menschen im späteren Griechenland lebten, die wir heute als Griechen bezeichnen würden.

Wie des Öfteren bei Star Trek TOS festzustellen, greift auch diese Episode als Hintergrund für die Erzählung auf ein Setting zurück, das an eine konkrete Epoche der Menschheitsgeschichte angelehnt ist und bis zu einem gewissen Grad austauschbar ist. In diesem Fall ist daran hinsichtlich der Antikenrezeption der Versuch interessant, die griechischen Götter rational zu erklären, wobei in diesem Fall auf das Motiv der Prä-Astronautik zurückgegriffen wird. Dabei geht es letztlich darum, dass sich die Menschen von keiner höheren Macht oder keiner Person dazu korumpieren lassen, ihre Freiheit, ihre Entwicklung und ihren Forschergeist aufzugeben, auch wenn dafür ein sorgenfreies Leben im Paradies in Aussicht gestellt wird. Vielmehr bevorzugt man ein freies Leben mit Risiken und Gefahren und ist dafür auch bereit, sich auf gefährliche Konflikte mit überlegenen Mächten einzulassen. Es steht außer Frage, sich – um es mit Kant zu sagen – wieder in die selbstverschuldete Unmündigkeit zurückzubegeben. Wichtig bleibt dabei immer, dass die Menschen zwar sterblich, verwundbar etc. sind, aber über einen moralischen Kompass, Gemeinschaftssinn und Integrität verfügen, wodurch sie sich unsterblichen, übermächtigen Wesen gegenüber letztlich doch als überlegen erweisen. Wir werden all dies anhand weiterer Episoden bei Gelegenheit wieder aufgreifen.

Die spannende Frage ist natürlich, auf wen die Antikenrezeption in dieser Folge zurückzuführen sein könnte. Geschrieben wurde die Folge jedenfalls von Gilbert Ralston und Gene L. Coon, die dementsprechend wohl für die zahlreichen Bezüge verantwortlich sein dürften.

Weiterführende Literatur:

George Kovacs: Moral and Mortal in Star Trek: The Original Series, in: B.M. Rogers/B.E. Stevens (Hg.): Classical Traditions in Science Fiction. Classical presences, Oxford/New York 2015, S. 199-216.

Auf Trek am Dienstag gibt es übrigens ein schönes Podcast zur oben besprochenen Episode.

Kirk Apollon

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