„Wieviel Gott steckt in der Comicfigur Thor?“ Außerirdische Göttergestalten in der Welt der Asen. Eine Zeitreise von der nordischen Mythologie bis zum amerikanischen Massenmedium

Vorbemerkung Tim Korylec: Wer sich mit den Marvel Comics auseinandersetzt, trifft immer wieder auf die gleichen Namen: Figuren wie Iron Man, Captain America, Hulk und Spider-Man stehen immer an erster Stelle bei der Auflistung der bekanntesten und beliebtesten Superhelden des Comicverlags. Jeder von ihnen ist einzigartig in seinen Fähigkeiten und seinem Willen, die Welt vor dem Bösen zu bewahren. Und es gibt da diesen Einen, dessen Historie sich stark von den anderen Superheldenkollegen unterscheidet: Thor, der Donnerer, Odins Sohn, Beschützer der Götterwelt Asgard und der Menschenwelt Midgard, dessen Figur die mythologische Personifizierung des altnordischen und althochdeutschen Wettergottes Thor darstellt. Was sind die Ursprünge der nordischen Mythologie? Welche Rolle spielt die gemeingermanische Figur Thor und wie viel des mythologischen Thors adaptiert der Comic? Und wie sieht das eigentlich mit dem Götterstatus in den Comics aus? Lasst uns eine kurze Reise von der Mythologie bis in die heutige Zeit wagen, von der Edda bis zum Marvel-Comic, von Snorri Sturluson bis Stan Lee. Die Bezeichnung „nordische Mythologie“ umfasst alle Mythen, die in der vorchristlichen Zeit in den skandinavischen Gebieten und in Mitteleuropa verbreitet waren und sich auch bis in das frühe Mittelalter etablierten. Grundsätzlich geht die heutige Forschung davon aus, dass die nordischen Mythen mit den kontinentalgermanischen Sagengeschichten weitestgehend übereinstimmen.

Der mächtige Thor

„Wie machst du jemanden stärker als den stärksten Menschen? Letztlich kam mir der Gedanke: mach‘ ihn nicht menschlich – mache einen Gott … Ich befand, dass die Leser mit den griechischen und römischen Göttern schon recht vertraut waren. Es würde mehr Spaß machen, sich in den altnordischen Legenden zu versenken, und der Spaß stand immer im Vordergrund. Außerdem ließ ich die nordischen Götter wie alte Wikinger aussehen, mit den wallenden Bärten, gehörnten Helmen und Keulen für den Kampf. […] Eines unserer bestehenden Hefte, ‚Journey into Mystery‘, benötigte einen Motivationsschub, und so nahm ich Thor, den nordischen Gott des Donners, und setzte ihn auf den Titel des Heftes. Nachdem ich eine Zusammenfassung geschrieben hatte, welche die Geschichte und die Charaktere beschrieb, die ich im Sinn hatte, bat ich meinen Bruder Larry, das Manuskript aufzusetzen, denn ich hatte keine Zeit. […] Und es war nur natürlich für mich, mit dem Zeichnen Jack Kirby zu betrauen, der zeichnete, als hätte er sein ganzes Leben in Asgard verbracht. Später lösten wir Thor aus ‚Journey into Mystery‘ heraus und gaben ihm ein eigenes Heft. Das war, als ich begonnen hatte, ihn in seiner pseudobiblischen und shakespearianischen Weise reden zu lassen.“

 (Stanley „Stan Lee“ Martin Lieber, 2002)

Als der amerikanische Comic-Autor und Verleger Stan Lee im Jahr 1962 mit „The Mighty Thor“ einen neuen Superhelden ins Comicleben rief, ebnete er einer goldenen Ära der amerikanischen Popkultur den Weg. Mit mittlerweile über 600 Ausgaben von „Der mächtige Thor“ gehört der Donnergott heute zu den finanziell stärksten und populärsten Superhelden der letzten 50 Jahre und hat als Comicfigur mehr Ausgaben hervorgebracht als jedes einzelne Werk, das sich sonst mit dem Donnergott befasst – die Eddas eingeschlossen. Dabei stand neben der kreativen Idee Lees, eine neue Ära von Superhelden ins Leben zu rufen, vor allem der finanzielle Aspekt im Vordergrund: Nach der Talfahrt in den 1950er Jahren stand der Verlag kurz vor dem Bankrott. Doch Lees Plan ging auf und er erschuf einen Superhelden, der des Comics Silbernen Zeitalters würdig war, ausgezeichnet mit Lees Siegel „The most exciting superhero of all time“. Es wird allgemein von drei Hauptfaktoren ausgegangen, die das Entstehen von ‚Der mächtige Thor‘ im Wesentlichen beeinflusst haben: Die Wirkungsgeschichte der mutmaßlichen ursprünglichen Entdeckung Amerikas durch die Wikinger, was besonders die skandinavischstämmigen als auch die nord- und westeuropäischen Amerikaner anregte, zweitens die Entwicklung des nahezu perfekten Superhelden auf Marvel-Seite (sein Pendant im DC-Universum ist Superman) und drittens das Aufkommen der Medien für die Massenunterhaltung der 60er-Jahre.

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Photo: Tim Korylec

Thors Einführung in die Comicwelt ebnete auch den Weg für weitere Comiccharaktere, die ihre Ursprünge in althistorischen Kulturen fanden. Eine weitere mythologische Figur wurde bereits im Jahr 1941 vom DC-Verlag eingeführt: Herkules, Halbgott und Sohn von Zeus aus der griechischen Antike, der ab dem Jahr 1965 auch im Marvel-Universum als Widersacher Thors eingesetzt wurde. Ebenso wie bei Herkules, war die Geschichte der Figur Thor bereits erzählt: Für ihn musste erstens keine Familie erfunden werden, denn das hatte die Mythologie schon erledigt. Zweitens musste sich Lee – aus demselben Grund – keine Gedanken über die Art der Superkräfte machen. Und letztendlich entsprach seine Rolle als Beschützer und Verteidiger der Menschheit im Wesentlichen seiner ursprünglichen mythologischen Aufgabe. Obwohl sich Lee nie dazu geäußert hat, geht man stark davon aus, dass er wenig Ahnung von der nordischen Mythologie hatte und schlussendlich stark davon profitierte, dass sein Zeichner Jack Kirby die alten Mythen studiert hatte. Um Thors kontroverse als auch prominente Geschichte verstehen zu können, ist es dringend erforderlich, sich mit der mythologischen Figur Thor zu beschäftigen.

Das Handbuch der nordischen Mythologie: Die Edda(s)

Die Bezeichnung „nordische Mythologie“ ist so umfassend, dass bis heute ausgiebig diskutiert wird, wo die Grenzen aufgesetzt sind. Einig sind sich die Historiker und Forscher insoweit, dass die nordische Mythologie all die Mythen umfasst, die vor dem Christentum in den skandinavischen Gebieten verbreitet waren. Diese Mythen entsprechen in großen Teilen den Mythen im kontinentalen Siedlungsgebiet germanischer Stämme. In all diesen Gebieten ähnelten sich die Glaubensvorstellungen – die Mythologie und die Kosmologie. Der bekannteste der nordischen Götter, Odin, war bei der südgermanischen Bevölkerung unter den Namen Wodan und Wuotan verbreitet. Jedoch darf man diese Gottesgestalten nicht mit den heutigen monotheistischen und allumfassenden Göttern wie dem christlichen Gott oder dem islamischen Allah vergleichen, da die Rituale und Vorstellungen der verschiedenen Menschen und Stämme sehr unterschiedlich waren und aus heutiger Sicht kein zusammenhängendes religiöses System nachzuweisen ist. Allgemein lässt sich kaum sagen, was von den Menschen geglaubt wurde und was Bestandteil einer reinen Saga war, weshalb von der nordischen Mythologie nicht als Religion gesprochen werden kann. Wie bei allen Schöpfungsmythen sah sich auch die nordische Mythologie mit dem Problem der Korrektheit konfrontiert, da die vielfältigen Erzählungen in erster Linie mündlich überliefert wurden. Jedoch gibt es auch einige archäologische Artefakte, Runeninschriften und Zeitzeugen, wie den römischen Geschichtsschreiber Tacitus (Publius Cornelius Tacitus, *58 n. Chr., † 120 n. Chr.), die uns Nachweise über die frühe nordische Mythologie liefern.  Ein Großteil unseres Wissens heute stammt vor allem aus zwei verschiedenen Werken, die als Lieder-Edda und Snorra-Edda (auch Prosa-Edda) bekannt sind und im 13. Jahrhundert im christianisierten Island verfasst wurden. Jedoch ist es fraglich, inwieweit die Eddas eine authentische Quelle darstellen, da sie über Geschichten schreiben, die 1000 Jahre zuvor geglaubt wurden. Wie bei sämtlichen Mythensagen konzentriert sich die Edda auch auf zentrale Attribute der antiken und mittelalterlichen Menschheitsgeschichte: Ehre, Heldenmut, Verrat. In den Erzählungen lässt sich bei den verschiedenen Stämmen ein immer wiederkehrender Handlungsstrang erkennen, nämlich die Verschwörung mit einem Anführer, kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Parteien, dementsprechend die Existenzangst der unterlegenen Stämme und schlussendlich das Hinzuziehen der Götter, die zur besseren Vorstellung als menschliche Gestalten mit menschlichen Eigenschaften wie Angst, Eifersucht und Liebe dargestellt sind.

Von der Schöpfung bis zur Götterdämmerung 

Inmitten dieser sagenumwobenen Göttergestalten sticht Odin hervor. Als Göttervater konzentrieren sich all diese menschlichen Attribute auf seine Person; er strebt nach Wissen und Weisheit, ist jedoch ein vielschichtiger und sehr ambivalenter Gott: Auf der einen Seite symbolisiert er die Personifikation des Krieges und des Heldentods, andererseits wird ihm eine heimtückische und verräterische Fassade zugesprochen. Von seinen zwei Raben Hugin und Munin (bezeichnenderweise mit den Begriffen „Gedanke“ und „Erinnerung“ übersetzt) lässt Odin sich Botschaften aus aller Welt zukommen. Er ist das Oberhaupt der Asen, die neben den Wanen eines der beiden nordischen Göttergeschlechter darstellen.

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Photo: Tim Korylec

Während die Asen als kriegerisch und herrschend beschrieben werden, gelten die Wanen als Symbol der Fruchtbarkeit. Ähnlich wie im Trojanischen Krieg ist es eine weibliche Figur, die als Auslöser für den Krieg zwischen Asen und Warnen gilt. Nach vielen blutigen Auseinandersetzungen soll die brüchige Friedenserklärung der beiden Parteien die grundlegenden Problematiken der jeweiligen Stämme widerspiegeln: Angst, Schrecken und Tod sind die vorherrschenden Alltagsbegleiter. Um die Götter besänftigen zu können, führten die Menschen der jeweiligen Stämme viele Rituale durch, beispielsweise weit verbreitete Blutzeremonien. Um die gesamte Schöpfungsgeschichte der nordischen Mythologie nachvollziehen zu können, kann ich wärmstens die Werke des österreichischen Philologen und Mediävisten Rudolf Simek empfehlen, der über viele Jahre zur germanischen und skandinavischen Mythologie geforscht hat. Die Kurzfassung ist vielfältig und skurril zugleich:  Das erste Lebewesen, der zweigeschlechtliche Riese Ymir, entsteht durch die Verbindung von Feuer und Eis, wächst und gedeiht durch die Milch der Urkuh Audhumbla und wird schlussendlich von Odin und seinen Brüdern getötet, die daraufhin aus den Körperteilen das Universum aufbauen. Aus den Augenbrauen wird der Ort Midgard, die germanische Bezeichnung der Erde, geformt; der Weltenbaum Yggdrasil hält das Universum mit seinem Astgeflecht zusammen. Neben seinen Raben besitzt Odin noch das achtbeinige Pferd Sleipnir, das – um eine weitere der vielen absonderlichen Geschehnisse zu erwähnen – vom Gott des Feuers, der List und des Bösen, Loki, gezeugt wurde. Während sich in der nordischen Mythologie die Geschichten häufig mit dem Konflikt zwischen Odin und Loki befassen, setzen die Marvel-Comics das Brüder-Verhältnis zwischen Loki und Thor in den Mittelpunkt. Dementsprechend lässt sich hier eine Comic-Korrektur der Originalfassung nachweisen: In den Comics ist Loki Thors Halbbruder, in der nordischen Mythologie Odins Blutsbruder. Beide Ausführungen haben jedoch gemeinsam, dass Loki in Thor den ewigen Widersacher sieht, den es stets zu bekämpfen gilt. In den Marvel-Comics gilt Loki als der Muster-Bösewicht, er genießt in Fankreisen große Beliebtheit, gerade wegen seiner listigen und trickreichen Art. Kurioserweise kann die nordische Mythologie nicht auf einen derartigen Fankult Lokis zurückblicken: Ihm zu Ehren wurden kaum Rituale durchgeführt, man benannte die Kinder nicht nach ihm und auch bei der Namensgebung der Ortschaften wurden andere Götter bevorzugt.

Die Eddas und die Comics stimmen überein, dass Thor der älteste Sohn Odins ist. Er ist einer der populärsten Asen in der nordischen Mythologie und als Gott der Seefahrt besonders für die Wikinger von überirdischer Bedeutung. Für die ländlichen Bevölkerungsgruppen war Thor hingegen ein Inbegriff von Beständigkeit und Zuverlässigkeit, dementsprechend wurde er von bäuerlichen germanischen Völkern als Vegetationsgott verehrt. Das Grollen des Donners wird von ihm selbst auf die Erde projiziert, wenn er mit seinem von zwei Ziegen geführten Wagen durch den Himmel streift. Ausgestattet mit seinem mächtigen Hammer Mjölnir, der immer wieder in die Hand seines Werfers zurückkehrt, gilt er als Beschützer von Asgard und Midgard. Mit diesem führt er zwei entscheidende Kämpfe gegen die Midgardschlange, eine die Welt umspannende Seeschlange. Schlussendlich kann er sie in der zweiten Auseinandersetzung, der Ragnarök-Saga – dem Untergang der Götter – besiegen, stirbt jedoch im Anschluss an dem Gift der Schlange. Dieses Ereignis wurde von Sturluson fälschlicherweise mit „Götterdämmerung“ übersetzt, meint aber den Untergang der Götter und allen Lebens.

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Photo: Tim Korylec

Mythos Thor vs. Comic Thor

Die Figur Thor ist ein Mythos, der über die Jahrhunderte hinweg durchgängig mit unersättlichem Heldentum, einem unaufhaltsamem Beschützerinstinkt und übernatürlichen Fähigkeiten in Verbindung gebracht wird. Sei es der Donnergott, den die altgermanischen Stämme verehrten, als auch die Comicfigur, die auf die Erde geschickt wird, um die Menschheit zu beschützen: Thor ist eine ruhmreiche Sagengestalt, die uns heute als Wikinger-Popikone des 20. Jahrhundert präsentiert wird. Die vielfältigen Glaubensrichtungen der nordischen Stämme bündeln sich in dieser Göttergestalt, die als das letzte Bollwerk gegen das ungeheuerliche Böse fungiert. In ihm kommt das Wesen vieler Kulturen zum Ausdruck, sowohl in den nord- und mitteleuropäischen Gebieten als auch in den Vereinigten Staaten. Dabei gibt es keinen der nordischen Göttergestalten, der so facettenreichen ist: Bei den germanischen Stämmen vergöttert, entwickelt sich die mythologische Figur in der Spätantike und im Mittelalter zum Gegner des römischen Katholizismus und daraus resultierend zum Vorkämpfer eines protestantischen Europas. Im sogenannten Dritten Reich wird der Mythos als „wahrer Germane“ für Propaganda-Zwecke missbraucht, ehe ein amerikanischer Verleger ihn zum literarischen „King of Pop“ krönt. Durch schalenförmige Eintiefungen in Felsen lassen sich bereits in der Bronzezeit in den skandinavischen Gebieten und auf Island Ansätze der Verehrung von Wetterphänomenen wie Blitz und Donner nachweisen. Mit der Besiedlung von großen Teilen Nord- und Mitteleuropas durch die Wikinger verbreitete sich der nordische Mythos und entwickelte sich zu einer germanischen Glaubensrichtung. Obwohl es viele Götter in Asgard gibt, war es doch üblich, einen Allvater auszuwählen und die anderen Göttergestalten unter diesen zu stellen. In der germanischen Mythologie gibt es, ähnlich dem griechischen und römischen Pendant, verschiedene Patrone für verschiedene Bevölkerungsschichten. Dem Wettergott Thor wurden gar Tempel gewidmet und Gebete zugunsten seiner Person gehalten. Jedoch geht man in der heutigen Forschung wie gesagt davon aus, dass die nordgermanische Glaubensrichtung keine Religion im heutigen Sinne darstellt, sondern eine reine Kultreligion ist. Es gibt keine Anzeichen für eine Frömmigkeit, der die Stämme nachgehen, sondern es sind in erster Linie Kulthandlungen und Rituale, die durchgeführt wurden.

Eins lässt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen: Die Figur Thor erlangte ihren  weltweiten Ruhm erst mit der Einführung des Superhelden Thor in die Marvel-Comicwelt. Der Mythos Thor wurde zum Aushängeschild der amerikanischen Popkultur des 20. Jahrhunderts. Stan Lee entwickelte eine Figur, die im Zuge der amerikanischen Superheldenliga den Mythos Thor wiederbelebt hat. So ist es nicht verwunderlich, dass viele der Mythen der Edda-Saga in den Comicheften als ausgeschmückte und moderne Geschichten wiedergegeben werden: Lokis Schabernack, Odins Kriegsführung, die Geburt der Erde, der ewige Kampf mit der Midgardschlange, Ragnarök und vieles mehr. Stan Lee hat die Edda auf seine Weise umgedichtet und lässt den Donnergott auch mal in New York City seine Heldentaten durchführen. Wer sich die Thor-Comics intensiv vor Augen führt, wird recht schnell feststellen, dass die Comicfigur Thor ein Identitätsproblem besitzt. Von Odin persönlich auf die Erde verbannt, arbeitete Thor viele Jahre lang ohne Gedächtnis als gehbehinderter Arzt Dr. Don Blake, bevor er mithilfe seines Hammers Mjölnir zu alter Stärke zurückfindet. Danach erinnert er sich an eine Zeit zurück, in der die Menschen die Asen als Götter bezeichneten, als diese damals Midgard beschützten. Obwohl er sich häufig als „Thor, Gott des Donners“ den Menschen zu erkennen gibt, wird in den Comics nicht wirklich eine göttliche Fügung deutlich. Für den Leser erscheint die Comicfigur Thor wie ein ruhmreicher Held, der übernatürliche Fähigkeiten (vor allem auch aufgrund seines Hammers) besitzt. Man verbindet den Superhelden instinktiv auch mit dem nordischen Gott, jedoch nicht als überirdisches Wesen, sondern als muskelbepackter Hüne. In den Marvel-Comics zeichnen sich die Bewohner Asgards durch Langlebigkeit, körperliche Stärke und einem mittelalterlichen Kleidungsstil aus. Während sich Thor von Ausgabe zu Ausgabe zum Beschützer der Menschen entwickelt, ist es insbesondere Loki, der den Glauben der Menschen an das Überirdische zu seinen Gunsten ausnutzt und sie kontrollieren möchte. Dabei sind die Asen in den Comics keine wirklichen Götter wie wir oder die nordische Mythologie sie uns vorstellen, sondern ein Volk, das in der fremden Welt Asgard lebt. Während in den Comics noch zahlreiche Verweise auf den Weltenbaum und die dazugehörigen Edda-Welten nachzuverfolgen sind, wird die Nachfrage nach dem Götterstatus in den filmischen Adaptionen an mehreren Stellen recht deutlich beantwortet: Die Asen (oft auch als „Asgardianer bezeichnet) werden als außerirdisches Volk dargestellt, das eine bis zu 5000 Jahre längere Lebenserwartung besitzt und sich in Geschicklichkeit und Stärke deutlich von den Menschen abhebt – aber die Asen sind keine göttlichen Wesen. Der Mythos Thor hat über die Jahrhunderte hinweg eine Entwicklungsgeschichte durchgemacht: Stan Lee (oder Jack Kirby als Zeichner mit den Vorstellungen Stan Lees) gab dem germanischen Donnergott ein menschliches Gesicht und menschliche Attribute. Der Comic zeigt dem Leser auf, dass auch ein nordischer Gott Konflikte mit seinem launenhaften Vater, Streitereien mit seinem rivalisierenden Bruder und Liebeskummer haben kann – eben völlig irdisch und alltäglich.


Literatur:

Arnold, Martin: Thor – Von der Edda bis Marvel, Rudolstadt 2012, S. 197 – 234.

Hansen, Walter: Asgard – Entdeckungsfahrt in die germanische Götterwelt Islands, Augsburg 1994, S. 22 – 44 und S. 180 – 198.

 

Anmerkungen Michael Kleu:

Auch wenn unsere wichtigsten Quellen zu Thor und der nordischen Mythologie aus dem Mittelalter stammen (s.o.), so haben die damit verbundenen religiösen Vorstellungen dennoch ihre Wurzeln in der Antike, womit sie in den Themenbereich unseres Blogs fallen. Von den literarischen Quellen „informiert“ uns als Erstes Caesars „De bello Gallico“ (1. Jh. v.Chr.) über die Religion der Germanen. Ich habe das „informiert“ in Anführungszeichen gesetzt, weil Caesar uns glauben lassen möchte, dass die Germanen recht primitiven Kulten nachgingen und primär Gestirne und das Feuer verehrten. Tacitus (ca. 58 – etwa 120 n.Chr.;) hingegen berichtet in seinen Werken „Annalen“ und „Germania“ von germanischen Göttern, die er teilweise mit ihren eigenen und teilweise mit den Namen ihrer römischen Entsprechungen zu bezeichnen versucht, sowie von Priesterinnen und Priestern. Auch ist in den Quellen – so z.B. bei Strabon 7,294 – gelegentlich von Menschenopfern zu lesen, was einerseits ein typischer Vorwurf gegenüber fremden Völkern ist, in diesem Fall aber durch diverse Moorleichen belegt sein könnte. Archäologisch lassen sich Kultfiguren und kleinere Kultgebäude nachweisen, obwohl grundsätzlich heilige Haine von größerer Bedeutung gewesen zu sein scheinen. Durch die dauerhafte Präsenz römischer Truppen und der Eingliederung germanischer Gebiete ins Imperium kam es in der Folge zu diversen religiösen Vermischungen. In der Forschung wird teilweise davon ausgegangen, dass Tacitus Thor in seiner Form als Wettergott mit Hercules gleichsetzte, was jedoch umstritten ist. Sollte die Gleichsetzung zutreffen, hat Marvel Thor mit seinem Kampg gegen Hercules wohl in eine prächtige Identitätkrise gestürzt, die einen an Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder Tyler Durden in „Fightclub“ denken lässt und vermutlich auch ein zeimlich tolles Comic abgeben würde …

Literatur:

W. Spickermann: Art. Germani, Germania. III. Religion, in: DNP 4 (1998).

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