Eine Bibliothek voller alter Bekannter – Gewitzte Antikenrezeption in dem Point-and-Click-Adventure „Indiana Jones and the Last Crusade“ (Lucasfilm Games)

Das Point-and-Click-Adventure Indiana Jones and the Last Crusade von 1989 entspricht inhaltlich im Wesentlichen dem gleichnamigen Kinofilm, beinhaltet aber auch einige Elemente, die eigens für das Spiel entwickelt wurden, wobei das Adventure den typischen Humor vieler Spiele von LucasArts- bzw. Lucasfilm Games aufweist.

So reist Indiana Jones im Spiel wie auch im Film nach Venedig, um dort in einer Bibliothek nach dem Grab eines Ritters zu suchen, der an einem der Kreuzzüge teilgenommen hat und dabei mit zwei seiner Brüder den Heiligen Gral gefunden haben soll. In der Bibliothek gilt es nun, ein „X“ zu finden, das den Zugang zum Grab markiert, auch wenn laut einem gewissen Dr. Jones bekanntlich noch nie ein „X“ irgendwann, irgendwo einen bedeutenden Punkt markiert hat („X“ never, ever marks the spot.). Jedenfalls begleiten wir Indy nun durch die Bibliothek, in der sich zahlreiche Plaketten mit Kommentaren berühmter Besucher der Institution finden lassen. Zu diesen zählt z.B. ein C. Darwin, der anmerkt, dass die Biologie-Abteilung der Bibliothek zurzeit noch primitiv sei, sich aber jeden Tag weiterentwickle („The biology section is primitive now, but every day it grows more fit“), was natürlich eine Anspielung auf den von Darwin verwendeten Ausdruck „Survival of the Fittest“ darstellt.

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Screenshot aus Indiana Jones and the Last Crusade, LucasArts (Lucasfilm Games), 1989.

Solche Anspielungen finden sich auch mit Bezug zur Alten Geschichte. So haben etwa schon Romulus und Remus bei einem Besuch in archaischem Italienisch (also Latein) festgehalten, dass sie scheinbar etwas für diese großartige Bibliothek spendeten, auch wenn sich diese nur in einer zweitklassigen Stadt befinde (It’s in archaic Italian. „For a great library, even if it is in a second-rate city.“). Was soll man auch anderes von den Gründern einer Weltstadt wie Rom erwarten? Auch J. Caesar hat die Bücher der Bibliothek studiert, wobei er besonderen Gefallen an den militärischen Werken fand, sich aber darüber beschwert, dass man die Frechheit besessen habe, diese in drei Teile aufzuteilen („I love the military books here, but they had the gall to divide them into three parts.“) Dass Interesse für militärische Bücher bezieht sich natürlich auf den Umstand, dass Gaius Iulius Caesar zu den bekanntesten Feldherren der Weltgeschichte zählt, während die Entrüstung über die Dreiteilung der Werke eine Verballhornung des ersten Satzes von Caesars eigener Schrift Der gallische Krieg (De bellum gallico) darstellt, der thematisiert, dass Gallien in drei Teile unterteilt sei („Gallia est omnis divisa in partes tres […].„).

Vor Caesar war mit dem Karthager Hannibal schon ein anderer großer Befehlshaber in der Bibliothek zu Gast, der diese für einen schönen Ort für Pausen hielt, wenn man sich gerade auf Reisen befände. Wie sein Feldherren-Kollege Caesar hat aber auch er etwas zu kritisieren, nämlich den Mangel an Literatur über die Pflege von Dickhäutern („Wonderful place to stop for a visit while travelling. Could use more books on pachyderm care“). Letzteres hängt natürlich damit zusammen, dass sich in der Armee, mit der Hannibal nach Italien einfiel, ursprünglich einige Kriegselefanten befanden, von denen nach der Alpenüberquerung jedoch nur noch ein einziger übriggeblieben sein soll. Das Reisen bezieht sich darauf, dass Hannibal mit seinem Heer von der Iberischen Halbinsel aus nach Italien gezogen war und dort mehr als 15 Jahre lang durch das Land zog, da sich ihm die Römer nach der Schlacht bei Cannae 216 v.Chr. zu keiner Feldschlacht mehr stellten und er sein Heer auch aus Versorgungsgründen immer wieder in neue Gebiete führen musste.

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Screenshot aus Indiana Jones and the Last Crusade, LucasArts (Lucasfilm Games), 1989.

Abgesehen von Romulus, Remus, Caesar und Hannibal haben auch verschiedene griechische Intellektuelle unsere venezianische Bibliothek besucht. Als Erster war der athenische Philosoph Sokrates da, der anmerkt, dass solche Bücher genau sein Ding seien, wobei sich im Deutschen der Wortwitz nicht wiedergeben lässt. Denn im englischen Original heißt es: „Books like these are my cup of … tea.“, was doch wohl vom „hemlock cup“ abgeleitet sein dürfte, also dem Schierlingsbecher, aus dem Sokrates trinken musste, nachdem ihn die Athener zum Tode verurteilt hatten. Wie sein Lehrer Sokrates hat sich auch Platon in der Bibliothek verewigt, was er tat, weil seine Liebe zu den dortigen Büchern über Leidenschaft und Sexualität hinausging, ihm aber kein gutes Wort für diesen Gefühlszustand einfiel („I have a love for these books that transcends passion and sexuality … there is just no good word to describe it.“). Damit dürfte die platonische Liebe gemeint sein, bezeichnenderweise aber nicht im Sinne des heutigen Sprachgebrauchs, sondern tatsächlich im Sinne dessen, was Platon ursprünglich gesagt hat.

Der brillante Komödiendichter Aristophanes freut sich über die großartige Auswahl an Tierbüchern, wobei er besonders diejenigen hervorhebt, die sich mit Amphibien und Vögeln beschäftigen („Great selection of animal books here, particularly concerning amphibians and avians.„). Das ist natürlich kein Wunder, ist Aristophanes aufgrund seiner Komödien „Die Vögel“, „Die Störche“ und „Die Frösche“ doch ein Fachmann für diese Thematiken, zumal er auch noch das Stück „Die Wespen“ geschrieben hat.

A. Ptoleous merkt schließlich an, dass Imperien kommen und gehen, während eine gute Bibliothek unsterblich sei („Empires come and go, but a good library is forever.“). Dieser Ptolemous wird als Leiter der Bibliothek von Alexandria angegeben, bei der es sich wohl mit einigem Abstand um die berühmteste Bibliothek der antiken Welt handeln dürfte. Da Ptoleous eine ältere Schreibweise für Ptolemaios gewesen zu sein scheint und es in Ägypten enorm viele Männer gab, die diesen Namen trugen, vermute ich, dass mit A. Ptoleous auf genau diesen Umstand angespielt wird und der Name dementsprechend als „Ein Ptolemaios“ (von vielen) zu übersetzen ist.

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Screenshot aus Indiana Jones and the Last Crusade, LucasArts (Lucasfilm Games), 1989.

Wie schon in anderen Fällen (z.B. bei einzelnen Star Trek-Folgen), sollte man auch bei diesen ebenso witzigen wie geistreichen Einfällen meinen, dass sie nicht einfach so von irgendwem ausgedacht worden sein können, sondern von einer Person, die hinsichtlich der Alten Geschichte über mindestens überdurchschnittliche Kenntnisse verfügen muss. Um Näheres zu erfahren, habe ich dem leitenden Entwickler Ron Gilbert eine E-Mail geschrieben, um zu fragen, auf wen die entsprechenden Texte zurückzuführen sind. Keine 5 Minuten später hat mich Ron Gilbert an Noah Falstein verwiesen, der sich die Texte vor gut 30 Jahren ausgedacht hat.[1] Und was sagt mir Noah Falstein? Er habe Spaß an Anspielungen auf die Alte Geschichte, hat diesbezüglich selbst jedoch keine nennenswerte Ausbildung erhalten und sich die hier relevanten Späße nach eigener Aussage in einer knappen Stunde ausgedacht, indem er sich Gedanken zu berühmten Persönlichkeiten machte und dann seinem Humor freien Lauf ließ.[2]

Ich fragte mich zunächst, ob die (Alte) Geschichte im damaligen Schulsystem der USA vielleicht eine größere Rolle spielte als wir das heute von unserem System gewohnt sind. Doch Falstein schrieb mir, dass er sein Wissen über die Antike eigentlich weniger auf seine Schulausbildung zurückführen würde als vielmehr auf seine Leidenschaft für militärische Brettspiele von SPI und Avalon Hill, die er als Teenager gerne spielte und durch die er angeregt wurde, mehr über Personen wie Caesar oder Hannibal in Erfahrung zu bringen. Der oben angeführte Aristophanes-Witz ist einerseits auf eine Aufführung von „Die Vögel“ zurückzuführen, die Falstein sich auf dem College angesehen hat. Aber auch die komischen Opern von Gilbert und Sullivan hätten einiges zu seinen Kenntnissen über Aristophanes beigetragen.

Mit diesen Aussagen hat sich Noah Falstein als Glücksfall für mein Projekt erwiesen, da natürlich immer die Frage im Raum steht, wieviel Alte Geschichte über die Phantastik vermittelt werden kann. Brettspiele zur Kriegsgeschichte sind zwar kein Bestandteil der Phantastik, doch liegt hier dennoch ein schöner Beleg dafür vor, wie sich Populärkultur auf das Wissen und das Interesse einer Person auswirken kann. Der Verweis auf Gilbert und Sullivan ist ebenso ein schöner Beleg dafür, dass die Vermittlung von Wissen über die Antike nicht zwingend direkt, sondern häufig auch über Zwischenmedien erfolgen kann. Dabei erscheint mir fast ebenso spannend, dass Falstein offensichtlich davon ausging, dass zumindest ein Teil der Spielerinnen und Spieler von Indiana Jones and the Last Crusade diese Anspielungen auch verstehen, er also ein ähnliches Hintergrundwissen voraussetzt wie bei sich selbst.

Die zitierten Plaketten tragen übrigens kein bisschen zum Spielverlauf bei, sondern sind als reine Liebhaberei zu verstehen, was ein typisches Phänomen für alle Adventures aus dem Hause Lucasfilm Games bzw. LucasArts ist und viel über die Liebe zum Detail aussagt, mit der diese Spiele erschaffen worden sind.

[1] Noah Falstein ist sich bei manchen Zitaten (z.B. Caesar) sicher, dass sie von ihm stammen. In anderen Fällen hält er es für sehr wahrscheinlich.

[2] Allerdings habe sein Bruderauf dem College einen Schwerpunkt in Mittelalterlicher Geschichte gewählt, weshalb man diesen angeheuert habe, um einen Großteil des Graltagebuchs zu schreiben, das mit dem Spiel ausgeliefert wurde. Von Noah Falstein stammt übrigens auch die Idee, auf dem Schloss an den Nazis vorbeizukommen, indem man sich als Lederjackenverkäufer ausgibt.

3 Kommentare zu „Eine Bibliothek voller alter Bekannter – Gewitzte Antikenrezeption in dem Point-and-Click-Adventure „Indiana Jones and the Last Crusade“ (Lucasfilm Games)

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  1. Oh, das ist super-spannend. Dieses Adventure haben wir noch nicht gespielt, aber mein Mann ist ein wirklich großer Fan von LucasArts/Lucasfilm Games und ihren Spielen, somit renne ich da vielleicht (nach dem aktuellen Projekt, Sam&Max Season 3 allerdings erst) offene Türen ein.

    Was ich auch spannend fände, wäre Dein Blick auf „The Fate of Atlantis“, falls ich den entsprechenden Beitrag nicht einfach schon verpasst haben sollte 🙂

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    1. Ich finde das total toll, dass man mittlerweile wieder viele Spiele von damals für wenig Geld kaufen kann. Daher spiele ich gerade auch wieder sämtliche Adventures durch, Sam&Max fehlen mir noch gänzlich.

      Noah Falstein (s.o.) hat mir gleich noch ein paar Hinweise zu Indy 4 (Fate of Atlantis) gegeben, die ich dann auch demnächst behandeln werde. Zuerst muss ich das aber noch einmal durchspielen. Das letzte Mal dürfte 25 Jahre her sein 😉

      Gefällt 1 Person

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