Und täglich grüßt das Murmeltier: Von Sisyphos und Prometheus zu Bill Murray und Tom Cruise

Andreas vom Filmlicht-Blog schrieb kürzlich einen sehr interessanten Artikel zum Thema „Zeitschleifen“, den Ihr hier aufrufen könnt. Ich möchte hier gar nicht all die spannenden Beispiele aus der Filmgeschichte wiederholen, die dort bereits thematisiert werden, sondern mich lieber kurz auf zwei konkrete Beispiele beziehen, bevor ich dann zur Antikenrezeption übergehen werde.

Das bekannteste Beispiel in Bezug auf Zeitschleifen dürfte sicherlich Und täglich grüßt das Murmeltier (Groundhog Day, 1993) mit Bill Murray sein, in dem der charakterlich recht schwierige TV-Wetteransager Phil Connors immer wieder am selben Tag erwacht, bis es ihm schließlich nach unzähligen Versuchen gelingt, aus der Schleife auszubrechen, indem er sein Wissen über den immer wiederkehrenden Tag zum Wohle seiner Mitmenschen nutzt und schlussendlich die Liebe seines Lebens findet. Zu empfehlen ist auch Edge of Tomorrow – Live. Die. Repeat (2014) mit Tom Cruise, der auf der japanischen Light Novell All You Need Is Kill (2004) von Hiroshi Sakurazaka basiert und den ich grob zusammengefasst als eine sehr gelungene Mischung aus Und täglich grüßt das Murmeltier und Starship Troopers bezeichnen möchte. Auch hier ist es die Aufgabe des Protagonisten Bill Cage, ein und denselben Tag immer wieder zu wiederholen, bis er schließlich so viel Wissen angesammelt hat, dass ihm ein Ausbruch aus der Zeitschleife gelingt.

Murmeltier

Dieses Motiv der Zeitschleife finden wir bereits in der Antike, wenn auch in abgewandelter Form, müssen doch sowohl Sisyphos als auch Prometheus immer wieder dieselben Leiden durchleben. Beginnen wir mit Sisyphos, der in Form der sprichwörtlich gewordenen Sisyphusarbeit bis heute im kulturellen Bewusstsein präsent geblieben ist. Denn Sisyphos war nicht nur Gründer und König von Korinth, sondern auch ein Betrüger par excellence, dem in der Antike allerlei Schandtaten zugeschrieben wurden. Diese sollten sich später rächen, als Sisyphos in der Unterwelt zur Strafe für seine Vergehen dazu verdammt wurde, einen Felsbrocken auf einen Berg hochzurollen, wobei der Felsen jedes Mal kurz vor dem Ziel wieder hinunterrollte, sodass Sisyphos bis in alle Ewigkeit immer wieder mit seiner Arbeit von vorne beginnen muss. Etwas mehr Mitleid muss man wohl mit dem Titanen Prometheus haben, der den Menschen gegen den Willen des Zeus das Feuer brachte und dafür vom Göttervater bestraft wurde. Denn dieser ließ Prometheus am Kaukasus festketten, wo jeden Tag ein Adler erschien, um von der Leber des wehrlosen Titanen zu fressen. Da die Leber jeden Tag nachwuchs hätten die Qualen wohl bis in alle Ewigkeit angedauert, wäre Prometheus nicht irgendwann je nach Überlieferung von Herakles oder von Zeus selbst befreit worden.

Auch wenn Sisyphos und Prometheus sich nicht in einer Zeitschleife befinden, entspricht die ewige Wiederholung doch dem, was wir aus den oben genannten Filmen kennen, wobei der Unterschied darin liegt, dass sich diese beiden Figuren der griechischen Mythologie nicht von selbst aus ihrer misslichen Situation befreien können. Sowohl Sisyphos und Prometheus als auch Phil Connors (Bill Murray) und Bill Cage (Tom Cruise) treten jedenfalls zunächst einmal negativ in Erscheinung. Sisyphos ist ein Betrüger und Prometheus verstößt gegen den Willen des Zeus, während Phil Connors ein durchweg schlechter Mensch ist und sich Bill Cage eher unrühmlich aus einer unangenehmen Situation zu retten versucht. Somit steht bei Sisyphos und Prometheus die Strafe für vorherige Vergehen im Vordergrund, wobei es aus menschlicher Perspektive angemessen erscheint, dass der Wohltäter Prometheus, der es ja eigentlich nur gut mit den Menschen meinte, irgendwann Erlösung findet. Bei Phil Connors (Bill Murray) ist die ständige Wiederholung sicherlich auch ein wenig als Strafe für sein vorheriges Benehmen zu verstehen, wichtiger scheint aber zu sein, dass sich ihm so die Chance bietet, ein guter und glücklicher Mensch zu werden. Bei Bill Cage (Tom Cruise) ergibt sich das Phänomen der Zeitschleife aus einer Kampfhandlung heraus, sodass hier ganz eindeutig die Möglichkeit zur persönlichen Weiterentwicklung im Vordergrund steht, zumal es hier an einer höheren Macht fehlt, die ihn bewusst in diese Situation geraten lässt. Während es dem antiken Mythos also allein um die Bestrafung von Freveltaten geht, interessieren sich die hier betrachteten neueren Adaptionen mehr für die Chancen, die eine Zeitschleife hinsichtlich einer positiven Charakterentwicklung bietet, was natürlich auch wesentlich kinotauglicher erscheint als eine monotone Bestrafungsorgie.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Varianten der Zeitschleife oder der sich immer wiederholenden Abläufe (vgl. z.B. die Episode Magic To Make The Sanest Man Go Mad von Star Trek: Discovery). Die Überlieferungen zu Sisyphos und Prometheus scheinen mir jedoch die ersten bekannten Zeugnisse zu sein, die sich mit dieser Problematik auseinandersetzen.

6 Kommentare zu „Und täglich grüßt das Murmeltier: Von Sisyphos und Prometheus zu Bill Murray und Tom Cruise

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  1. Sehr schöner Artikel! Freut mich zumindest ein wenig zur Inspiration beigetragen zu haben.

    Der ewig hungrige und durstige Tantalos dürfte wohl auch noch in die Reihe der klassischen Zeitschleifenopfer gehören.
    Von der Befreiung des Prometheus gibt es eine Version, die ich noch etwas lieber mag: Zeus möchte mit der Nymphe Tethis schlafen. Der gefesselte Prometheus warnt ihn, da er weiß, dass der Sohn den Tethis gebiert weit mächtiger sein wird, als der Vater. Daraufhin verkuppelt Zeus Tethis mit dem recht unbedeutenden Menschen Peleus, dem sie dann den Achill gebar. Zur Belohnung befreite Zeus den Prometheus. Aber weil der Göttervater verkündet hatte, dass er auf ewig an den Kaukasus gefesselt sein sollte, musste Prometheus von da an einen Ring mit einem kleinen Steinchen des Kaukasus daran tragen.

    Das hat dann ja auch mehr das Element der verdienten Erlösung (Prometheus hätte ja zusehen können, wie Zeus von einem mächtigeren Sohn gestürzt wird) und nicht den typischen Auftritt von Superman äh Herakles, der alles mit Gewalt löst. Und der Ring könnte ein Symbol für die Zeitschleife… okay jetzt gehts zu weit 😉

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  2. Interessante Perspektive. Ich habe aufgrund der technischen Realisierung (Regeneration bzw. Runterrollen gegenüber Zeitschleife) diese Verbindung nie gezogen. Insbesondere in der Science Fiction bastelt man ja für alles eine technisch-naturwissenschaftliche Erklärung innerhalb des Rahmens der jeweiligen Welt und ihrer erweiterten Naturgesetze. Letztlich greift hier aber eine Erweiterung des dritten Clarke‘schen Gesetzes um göttliches Wirken auf der „Magie-Seite“ und veränderte Physik/Naturgesetze auf der „Technologie-Seite“.

    Eigentlich komisch, dass einem das so fern liegt, wo doch allzuoft in der Science Fiction göttliches Wirken mit fortschrittlicher Technologie erklärt wird. Ob die mentale Trennung von Magie und göttlichem Wirken nur bei mir so intensiv ist?

    Sorry für‘s Abschweifen, danke für den Beitrag und das zum Nachdenken Bringen über eine mentale Mauer, wo keine Trennung existiert.

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  3. ich habe vor jahren selbst so etwas erlebt: ich bin morgens aufgewacht, habe mir Kaffee gemacht, bin zur arbeit, in der pause wieder, kaffee wieder weiterarbeiten. Alles normal und real. bis ich wieder aufwachte und wieder…irgendwann dann merkte ich das ich vorher wohl geträumt hatte, ich hatte das schon und versuchte etwas anders zu machen. aber wieder und wieder wachte ich auf. Als ich tatsächlich aufwachte war ich mega erschöpft und verwirrt und fragte mich ob ich wohl immer noch träume. und das war der unterschied…das habe ich mich in den träumen nie gefragt. meine arbeit habe ich einige zeit danach geändert und somit mein ganzes leben.

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