Die Enterprise und Platons Stiefkinder (TOS)

Nachdem wir kürzlich bereits eine Folge von Star Trek TOS kennengelernt haben, in der die Besatzung der Enterprise auf den Gott Apollon traf, geht es nun in der Episode Plato’s Stepchildren thematisch wieder ins antike Griechenland, wobei sich einige der damals kennengelernten Motive wiederholen werden.

Diesmal erhält die Enterprise einen medizinischen Notruf und kommt so zu einem bis dahin unbekannten Planeten namens Platonius, auf dem 38 Personen leben, die vorgeben, zur Zeit der griechischen Antike als außerirdische Besucher auf der Erde gelebt zu haben, nachdem ihre ursprüngliche Heimat einer Supernova zum Opfer gefallen war. Auf der Erde lernten sie jedenfalls Platon kennen, dessen Philosophie sie allem Anschein nach tief geprägt hat. Mit dem Untergang der griechischen Zivilisation – was auch immer damit genau gemeint ist – haben sie die Erde wieder verlassen und sind zu dem jetzt von ihnen bewohnten Planeten gekommen, wo sie plötzlich psychokinetische Fähigkeiten entwickelten, die – wie sich später herausstellt – von einem besonderen Element (Kironide) herrühren, das in großen Mengen auf dem Planeten vorhanden ist und von den Platoniern über die Nahrung aufgenommen wird. Mit Hilfe dieser Kräfte können Gegenstände mit dem Geist bewegt, aber auch Menschen manipuliert werden. So kommt es, dass diese Wesen, die ohnehin schon das Resultat genetischer Modifizierungen sind, die ihr hohes Alter von etwa 2.500 Jahren erklären, über beträchtliche mentale Kräfte verfügen, dafür aber körperlich insofern degeneriert sind, als ihre Immunsysteme nicht mehr in der Lage sind, einfachen Erkrankungen Widerstand zu leisten. Aus diesem Grund möchten die Platonier Dr. McCoy davon überzeugen, einer der ihren zu werden, was dieser jedoch ablehnt. Dem typischen Darstellungsmuster von langlebigen und übermächtigen Wesen im Star Trek-Universum entsprechend erweisen sich die Platonier spätestens jetzt als moralisch äußerst fragwürdige Charaktere, denen jedes Mittel recht zu sein scheint, um den Doktor zum Bleiben zu zwingen. Die einzige Ausnahme ist Alexander, ein kleinwüchsiger Platonier ohne psychokinetische Fähigkeiten, dessen Warmherzigkeit und Integrität sich umgekehrt proportional zu seiner Körpergröße verhalten. [Unter dem Bild geht es weiter.]

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Bild: Araceli

Dieser Alexander ist die erste Person, der die Crew der Enterprise auf Platonius begegnet. Zuerst sehen Kirk, Spock und McCoy bei ihrer Außenmission in einem optisch durch Säulen an die griechische Antike angelehnten Gebäude einen sehr großen Schatten, hinter dem sich dann der kleinwüchsige Alexander verbirgt. Dies spielt einerseits auf den großen Charakter des kleinen Mannes an, scheint aber gleichzeitig eine ironische Anspielung auf Alexander den Großen zu sein, an den man bei einer Person dieses Namens in einer an die griechische Antike angelehnte Umgebung automatisch denken muss. Am Ende der Episode versucht Alexander schließlich in bester Tyrannenmörder-Manier, den Herrscher der Platonier mit einem Dolch zu töten. George Kovacs (s.u. den Literaturverweis), könnte sich vorstellen, dass Alexander auch an den Gott Hephaistos angelehnt ist, der mit seinem lahmen Bein ebenso zur Zielscheibe des Spottes der olympischen Götter wird, wie es bei dem Kleinwüchsigen und den fast göttergleichen Platoniern der Fall ist.

Der Name dieses Anführers der Platonier, Parmen, könnte von Parmenion abgeleitet sein, wobei wohl eher Kovacs zuzustimmen ist, der den Vorsokratiker Parmenides als Namensgeber sieht. Parmens Frau trägt den Namen Philana, den man vielleicht als „Menschenfreundin“ übersetzen könnte. Zwei weitere Platonier heißen Dionyd und Eraclitus, was wohl Abwandlungen von Dionysios und Heraklit sind, was auch wieder Anspielungen auf die gleichnamigen Philosophen sein dürften. Vielleicht hängt die Verwendung fast-griechischer Namen damit zusammen, dass die Platonier logischerweise bereits Namen gehabt haben müssen, bevor sie auf die Erde kamen, und diese vielleicht ein wenig an ihre griechischsprachige Umwelt angepasst haben, wie wir es ja durchaus aus der klassischen Antike von hellenisierten „Barbaren“ kennen. Dionyd und Eraklit machen sich jedenfalls Spock gegenüber darüber lustig, dass Cupidos (also Amor bzw. im Griechischen Eros) Pfeile tödlich für Vulkanier seien. Eine der Figuren eines Spiels, das an unser Schach erinnert, trägt außerdem den Namen des Gottes Pan, den Alexander auch in einem Lied erwähnt, das er sich selbst mit einer Leier begleitend zur Unterhaltung Parmens singt, wobei er bemerkenswerterweise auch den Froschchor aus Aristophanes‘ „Die Frösche“ verwendet: Brekekekex koax koax.

Abgesehen von den zahlreichen Säulen sollen Büsten (die teilweise eher römisch wirken), Statuen, Kratere (griechische Kruggefäße), eine Harfe, diverse Möbel und Obstschalen den Eindruck griechischer Antike vermitteln. Hinzu kommt die Kleidung der Platonier, die ab einem späteren Zeitpunkt auch Kirk, Spock, Uhura und die Krankenschwester Christine Chapel tragen. Natürlich dürfen auch Lorbeerkränze nicht fehlen. In dieser Ausstattung müssen die vier Besatzungsmitglieder der Enterprise eine Art Theaterstück aufführen, bei dem ihre Bewegungen etc. in erniedrigender und sadistischer Weise von den Platoniern erzwungen werden. In diesem Rahmen kommt es auch zum berühmten Kuss zwischen Kirk und Uhura.

Etwas überraschend ist, dass die Crew der Enterprise sich diesmal kaum davon beeindrucken lässt, auf Wesen zu stoßen, die zur Zeit der klassischen Antike auf der Erde gelebt haben. In diesem Sinne bleibt manches ein bisschen oberflächlich. So sagen die Platonier zwar, dass sie nach Platons Lehre in einer Republik leben, die jedoch nicht genauer erläutert wird. An anderer Stelle spricht der Anführer Parmen, der gewisse Anpassungen an Platons Ideen durchaus zugibt, von einer Demokratie, was wohl weniger im Sinne des nicht sonderlich demokratisch gesinnten Platon gewesen wäre. Hinzu kommt, dass Parmen die Demokratie so definiert, dass in ihr jeder herrschen könne, wenn sein Verstand (bzw. seine psychokinetischen Kräfte) nur stark genug ausgeprägt sei (s.u.). Abweichend von Platon, der in seinen Nomoi (Gesetze) 5.040 Heimstätten als eine gute Zahl für eine Polis ansieht, halten die Platonier 38 Mitglieder für eine ideale Einwohnerzahl für ihr Utopia. Treffender ist es dann wieder, wenn Parmen von sich als Philosophenkönig spricht, auch wenn er diesbezüglich sicherlich nicht dem Ideal entspricht, herrscht er doch allein deswegen, weil er über größere Macht verfügt als die übrigen Platonier. Untereinander bezeichnen sich die Platonier in Anlehnung an Platons Akademie als Akademiker.

Auf das Konzept der griechischen Gastfreundschaft (philoxenia) könnte ein kurzer Dialog zwischen Parmen und Kirk anspielen, in dem letzterer darauf verweist, dass erster die Bedeutung des Wortes nicht verstehe. Zwar verteilt Parmen Gastgeschenke, doch behandelt er die Crew der Enterprise ansonsten wie Gefangene. Entsprechend seiner Rolle als Captain erhält Kirk jedenfalls einen an den Schild des Achilles erinnernden Schild des Perikles, der bis zu seinem Tod der führende Politiker und Stratege des demokratischen Athens gewesen ist, während McCoy passenderweise eine Schriftrolle mit Aufzeichnungen des Hippokrates erhält, den man sicherlich als den berühmtesten Arzt der Antike bezeichnen kann. Mr. Spock erhält eine Kithara (antikes griechischen Saiteninstrument), weil er laut Philana leise und „zerebral“ sei, was ein Wortspiel bezüglich der medizinischen und der sprachwissenschaftlichen Bedeutung des Wortes sein könnte, also gleichzeitig auf das Gehirn und gewisse Laute anspielt. Jedenfalls erhält er die Kithara, um seine permanent aktive Augenbraue zu beruhigen.

Eine Diskussion zwischen Kirk, Spock und Parmen geht dann etwas tiefer auf Platon ein. Nachdem der Vulkanier anmerkt, dass Platon Wahrheit, Schönheit und vor allem Gerechtigkeit angestrebt habe, antwortet Parmen dass die Platonier die demokratischste Verfassung verfügen würden, die je existiert habe (s.o.), und er selbst Gerechtigkeit anders als die Föderation nicht mit Waffen, sondern mit der Kraft seines Verstandes durchsetzen würden. Dies ist eine schöne Dialogidee, da Platon natürlich die Herrschaft des Verstandes begrüßen würde, damit aber sicherlich nicht die tyrannische Willkür psychokinetisch begabter Wesen meinte. Somit hat die große Macht der Platonier in Verbindung mit ihrer annähernden Unsterblichkeit letztlich dazu geführt, dass weder ihr persönliches Verhalten noch ihre gesellschaftliche Organisation mehr dem entsprechen, was Platon sie ursprünglich gelehrt hat. Dies wird indirekt bereits zu Beginn angesprochen, wenn Alexander die Crew der Enterprise begrüßt und die Platonier als Platons Kinder vorstellt, wobei sie sich manchmal eher als seine Stiefkinder betrachten würden. Den häufiger auftretenden Umstand, dass große Macht negative Auswirkungen auf den Charakter haben kann, habe ich an anderer Stelle als Gyges-Effekt bezeichnet.

Ein schöner Gedanke ist es jedenfalls, dass diesmal nicht Außerirdische den Menschen Kultur bringen (Stichwort Prä-Astronautik), sondern technisch weit fortgeschrittene Wesen auf der Erde landen und dort in Form von Platon von einem antiken griechischen Philosophen geprägt werden.

Es stellt sich die Frage, auf wen diese interessante Antikenrezeption zurückzuführen ist. Geschrieben wurde die Folge jedenfalls von Meyer Dolinsky, der daher wohl für die zahlreichen Bezüge verantwortlich sein dürfte.

Weiterführende Literatur:

George Kovacs: Moral and Mortal in Star Trek: The Original Series, in: B.M. Rogers/B.E. Stevens (Hg.): Classical Traditions in Science Fiction. Classical presences, Oxford/New York 2015, S. 199-216.

5 Kommentare zu „Die Enterprise und Platons Stiefkinder (TOS)

Gib deinen ab

  1. Unbedingt auch die Fortsetzung schauen – Fanprojekt Star Trek Continues , 1.Folge: Pilgrim of Eternity
    In der ersten Folge kehrt der Gott Apoll zurück, um auf der Enterprise Verwirrung zu stiften. Schließlich aber stimmt er zu, dass er das Schiff mit Aussicht auf einen geruhsamen Lebensabend verlässt.

    1:1-Kopie der Orignalserie von Fans, in Originalqualität.

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